Opa und die Peaky Blinders

Meinem Vater geht’s nicht so gut. Es quietscht überall – wie sich das für Pflegestufe 3 gehört. Drei Dialyse-Termine pro Woche nerven auch. Er ist Jahrgang 1943. Sein Vater, mein Opa, war Jahrgang 1900 und ist 1971 mit und an Nierenproblemen gestorben. Immerhin hat er ihn schon mal überlebt.

Bevor mein Vater Fahrzeugbau studiert und Stellenangebote von Porsche und BMW abgelehnt hat, um den väterlichen Karosseriebau mit zwanzig Mitarbeitern zu übernehmen, hat er eine Ausbildung zum Karosseriebauer als Landes- und Bundessieger abgeschlossen.

Um ihn aufzuheitern und weil es mich interessiert hat, stellte ich ihm vor ein paar Wochen die Frage: „wie stolz war dein Vater auf dich? Wie habt ihr das mit dem Landes- und Bundessieger gefeiert?“

Er hat die Frage nicht verstanden. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

Garnix: „Naja, wenn mein Kind Erfolg hat, würde ich mich freuen und feiern. Du nicht?“

Vater: „Nee. Das war nicht so.“

Seine Mutter ist früh gestorben und das Portrait meines Opas, das in der Firma neben den Urkunden meines Vaters hing, lief bei mir so ingesamt unter dem Oberbegriff: „Todesblick“.

Blöderweise haben meinen Vater und ich diesen Blick geerbt. Wenn wir normal in die Gegend gucken, denken alle „uiuiui, was ist denn mit denen los?“

Ein großes Hurra auf den transgenerationalen Todesblick.

Was ich von meinem Vater wusste: Opa war relativ früh in der NSDAP, jahrelang Ortsgruppenleiter, später in Russland ein Sägewerk und 200 Mann befehligt und Brücken und sowas gebaut. Lange in russischer Kriegsgefangenschaft und später dann im Rahmen der Entnazifizierung zehn Jahre Berufsverbot bekommen.

Meine Themen sind ja schon länger sowas wie

  • Empathiebehinderungen
  • Recht auf Wegsehen
  • „Feinstofflichkeit“
  • Transgenerationale Traumata
  • Allgemeine Irrationalität und allgemeiner Wahnsinn
  • Leichtigkeit vs Todesblick

Die Welt ist zweifelsohne verrückt. Da liebt und hat jemand Pferde, rettet einen griechischen Hund und füttert diesem voller Inbrunst kleingehacktes Hottehü in Dosenform.

Wenn ich mit meiner Mutter über die Vorteile einer pflanzenbasierten Ernährung rede, zitiert sie die Buchenwald-Begrüßungsformel: „Jedem das Seine“

Die Pandemien der letzten hundert Jahre gehen im Kern auf abartigste Tierhaltungsthemen zurück und es gab meines Wissen noch nicht EINE Diskussionssendung irgendwo, die das thematisiert hat.

So in Art und im Zweifel noch dümmer und noch schlimmer. Aber jetzt gucken wir erst mal nach dem Todesblick.

Ausgangspunkt: wie muss man als Vater (Opa) so drauf sein, wenn der Sohn beruflich schwerstens abräumt, ohne auf den Gedanken zu kommen, eine Runde zu feiern?

#Ortsgruppenleiter

„Das Fundament der Diktatur: die NSDAP-Ortgruppen von 1932 – 1945.“ -gibt’s bei Amazon. Ab Seite 316 steht da, dass primär die Ortsgruppenleiter Deportationen vorbereitet haben. Treffer.

Mein Vater wurde nach dem Krieg jahrzehntelang in seiner „Hood“ gefragt, ob er mit dem Ortsgruppenleiter verwandt ist – „ZwinkerZwinker, war ein guter Mann“.

Ich fürchte, dass die Zwinker-Zwinker-Menschen nicht unbedingt jüdischen Glaubens waren.

#Bundesarchiv

Anmeldug bei https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/ – geht relativ schnell und man hat den ersten Zugriff. SA, SS und NSDAP-Akten muss man dann aber doch und. ggf. kostenpflichtig anfordern. Und ein paar Formulare ausfüllen.

#Peaky Blinders

Frisurentechnisch hätte Opa auch bei den Peaky Blinders anheuern können:

Ich bekomme also seine NSDAP-Kartei. Er war Sturmführer bei der NSKK. „Das NSKK folgte der rassenideologischen Doktrin der NSDAP und nahm nur Personen mit Ariernachweis als Mitglieder auf. Während des Zweiten Weltkrieges war das NSKK im Rahmen der Umsetzung und Legitimierung des Generalplan Ost in großem Ausmaß an den Deportationen von Juden und dem Holocaust beteiligt.“

#ADAC Gründungsmitglied oder Judenexporteur

Das Bundesarchiv weiß es nicht so genau. Anfrage beim Landesarchiv läuft: 220 Seiten Entnazifizierungsakten sind angefordert.

#Enkeljustiz

Habe ich das Recht oder die Pflicht auf Hinsehen oder Wegsehen? 1925 erschien „Mein Kampf“ wurde seinerzeit viel gelesen und besprochen. Hitler beschrieb die Juden als Parasiten und Krankheitserreger, die, wenn man sie nicht entschieden bekämpft, ihr Wirtsvolk umbringen würden. Außerdem unterstellt Hitler den Juden, durch Förderung der Prostitution bewusst die Syphilis zu verbreiten. Hab das selber nicht gelesen – steht so bei Wikipedia.

Die Frage, ob man im Lager der Weißen Rose oder in der SA gelandet wäre, lässt sich nur hoffnungsschwanger beantworten. Und führe uns nicht in den Abgrund.

In drei, vier Wochen dürfte ich seine Unterlagen von 1946 bis 1949 bekommen – wiegesagt 220 Seiten. Bin jetzt erstmal ergebnisoffen und drücke uns karmatechnisch die Daumen, dass alles nicht allzu schlimm war – opamäßig.

Meine Eltern haben keinen Bock, dass ich das aufwühle und wollen nix davon wissen. Ist okay, glaube ich. Oder auch nicht.

Ich glaube eher: es lohnt sich hinzuschauen, seine Lehren zu ziehen und idealerweise transgenerationale Scheiße aufzulösen.

Und was sagt Anne Frank?

„Wie wundervoll, dass niemand einen einzigen Moment warten muss, bevor er anfängt, die Welt zu verbessern.“

Ansonsten gilt:

3 Kommentare zu „Opa und die Peaky Blinders“

  1. Positiv denken: Hätte Oppa bei der weißen Rose angeheuert (was aber wahrscheinlich wegen der Frise nicht möglich gewesen wäre), gäb’s heute den Guru nicht.
    Drücke Dir jedenfalls die Daumen, dass er auf den 220 Seiten nur mit Blicken getötet hat!

    Gruß, Ente

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  2. Ich habe im Bundesarchiv nun auch einen Verwandten gefunden. Hast du einen Tipp, wie man das nun (gerne kostenpflichtig) anfordern kann? (der „Lesesaal“ ist nicht in meiner Nähe und digital verfügbar ist es nicht).

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  3. Hallo, Suchender.

    Einfach an berlin@bundesarchiv.de schreiben. Die würde dir dann sowas wie einen Antrag auf Auskunft zuschicken, den du ausfüllst, unterschreibst, scannst und per Email zurückschickst.

    Theoretisch war meine Anfrage an das Bundesarchiv kostenpflichtig (Konditionen bekommst du mitgeteilt, geht nach Zeiteinheiten und ist meiner Meining nach nicht teuer) – letztlich (und warum auch immer) wurde in meinem Fall auf eine Gebührenerhebung verzichtet.

    Interessant(er) dürfte dann eventuell aber das zuständige Landesarchiv im jeweiligen Bundesland sein. In meinem Fall ist das Hessen, die wohl die kompletten Entnazifizierungsakten aufbewahren und pro Seite eine Gebühr von 50 Cent verlangen. Finde ich auch halbwegs human. Anträge/Formulare musste ich fürs Landesarchiv nicht ausfüllen – Auftrag per Email hat gereicht. Falls das missverständlich war: die Landesarchive haben meines Wissens auch alle sowas wie einen elektronischen Nachschlagekatalog – so ziemlich analog zum Bundesarchiv. Da könntest du schon mal nachschauen, weil das Bundesarchiv leider nicht mit den Landesarchiven vernetzt zu sein scheint.

    Bearbeitungsdauer schätze ich jeweils so auf vier Wochen. Alle Ergebnisse dann als Email-Anhänge.

    Viele Grüße
    Garnix

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