Meine pädagogischen Fähigkeiten als Moralapostel und Teilzeitmessias

Ja, nicht so gut bestellt damit. In der Regel bezeichne ich alle in weniger als drei Minuten als Empathiekrüppel, schüttele verächtlich den Kopf, denke heimlich „was für’n elender Idiot“ und verlasse die Szenerie.

Die anderen Moralapostel sind da viel schlauer und wissenschaftlicher unterwegs – hier die drei Graslutscher zum Beispiel:

Alles super. Aber ich habe die Nerven dazu nicht. Sobald ich König von Deutschland bin, rufe ich erstmal bei Frau Klöckner an.

König: „Na, haste fünf Minuten?“

Klöckner: „Gerade drei Stunden mit Nestle telefoniert, aber ja.“

König: „Ich will dich ins Fernsehen bringen.“

Klöckner: „Geil.“

König: „Erstmal so vier Wochen, non stop. Livestream und so. Aber richtig ’naturnah'“

Klöckner: „Geil.“

König: „Mit Fortsetzungen.“

Klöckner: „G-e-i-l.“

König: „Also konkret. Wir fangen beim Milchvieh an. Du kommst in den Stall. Einmal Zwangsbesamung, Anbindehaltung und schön an die Melkmaschine. Das mit der Melkmaschine ist noch ein bisschen früh so am Anfang der Schwangerschaft. Aber der Lerneffekt ist dadurch viel höher. Die meisten denken, dass eine Kuh einfach so Milch gibt. Das wird ein Hallo, wenn der Milcheimer leer bleibt!“

Klöckner: „Äh?“

König: „Geht ja nur vier Wochen. Im ersten Teil. Dafür gibt’s auch den Livestream. Jeden Tag Übertragungen in die Tagesschau mit Interview. Die schönsten Bilder bei Instagram und so.“

Klöckner: [Hüstel]

König: „Nach zehn Monaten kommt dann die Fortsetzung. Nachwuchs wird abgeführt und kommt in einen Bio-Schlachthof – schön mit anderen glücklichen Bio-Kälbern. Das muss man natürlich gut vorbereiten, die Zuschauer wollen da sicher abgeholt werden. So von wegen ‚wir sind doch keine Viecher‘. Ich denke da an eine Live-Schalte. Du – wieder in Anbindehaltung – könntest was aus Wikipedia referieren.

‚Der Mensch (Homo sapiens, lateinisch für „verstehender, verständiger“ oder „weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch“) ist nach der biologischen Systematik eine Art der Gattung Homo aus der Familie der Menschenaffen, die zur Ordnung der Primaten und damit zu den höheren Säugetieren gehört.

Die Höheren Säugetiere oder Plazentatiere (Eutheria; Placentalia meist nur wenn die Kronengruppe gemeint ist) bilden wie die eierlegenden Kloakentiere (Protheria) und die Beuteltiere (Metatheria) eine Unterklasse der Säugetiere (Mammalia). Die Höheren Säuger sind die artenreichste Gruppe – zu diesem Taxon zählen rund 94 Prozent der rezenten Spezies – und auch hinsichtlich des Körperbaues und der Lebensräume die vielfältigste der Säugetiere (1135 von 1229 Gattungen).‘

Na, was sagste? Das wäre halt gut, den Leuten ins Bewusstsein zu rufen, dass wir eben doch Viecher sind. Vielleicht nennen wir die Serie auch so: Von Säugetier zu Säugetier.

Bei den Schlachthofbildern bleiben wir trotzdem schön zurückhaltend. Bisschen traurige Musik drunter legen. Rest bleibt der Phantasie überlassen. Man muss es ja auch nicht übertreiben. Danach Blende. Nach der Schwangerschaft ist vor der Schwangerschaft. Meint: Zwangsbesamung numero 2. Blende, Kamera auf einen halbvollen Milcheimer. Dann irgendeinen Bauern einblenden, der auf Knöpfe an der Melkmaschine drückt und den Daumen nach oben streckt.“

Klöckner: „Äh?“

König: „Müssen dann halt mal schauen, wie lange du durchhältst. Vier, fünf Jahre sind so die Norm, bevor eine Kuh umkippt. Aber sehen wir dann noch. Na, Mausezahn, was sagste? Kannst ja noch mal drüber schlafen.“

Klöckner: „Ich bin da jetzt kein Experte, aber gibts inzwischen nicht hundert Sorten Pflanzenmilch? Könnte man da nicht vielleicht…“

Opa und die Peaky Blinders

Meinem Vater geht’s nicht so gut. Es quietscht überall – wie sich das für Pflegestufe 3 gehört. Drei Dialyse-Termine pro Woche nerven auch. Er ist Jahrgang 1943. Sein Vater, mein Opa, war Jahrgang 1900 und ist 1971 mit und an Nierenproblemen gestorben. Immerhin hat er ihn schon mal überlebt.

Bevor mein Vater Fahrzeugbau studiert und Stellenangebote von Porsche und BMW abgelehnt hat, um den väterlichen Karosseriebau mit zwanzig Mitarbeitern zu übernehmen, hat er eine Ausbildung zum Karosseriebauer als Landes- und Bundessieger abgeschlossen.

Um ihn aufzuheitern und weil es mich interessiert hat, stellte ich ihm vor ein paar Wochen die Frage: „wie stolz war dein Vater auf dich? Wie habt ihr das mit dem Landes- und Bundessieger gefeiert?“

Er hat die Frage nicht verstanden. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

Garnix: „Naja, wenn mein Kind Erfolg hat, würde ich mich freuen und feiern. Du nicht?“

Vater: „Nee. Das war nicht so.“

Seine Mutter ist früh gestorben und das Portrait meines Opas, das in der Firma neben den Urkunden meines Vaters hing, lief bei mir so ingesamt unter dem Oberbegriff: „Todesblick“.

Blöderweise haben meinen Vater und ich diesen Blick geerbt. Wenn wir normal in die Gegend gucken, denken alle „uiuiui, was ist denn mit denen los?“

Ein großes Hurra auf den transgenerationalen Todesblick.

Was ich von meinem Vater wusste: Opa war relativ früh in der NSDAP, jahrelang Ortsgruppenleiter, später in Russland ein Sägewerk und 200 Mann befehligt und Brücken und sowas gebaut. Lange in russischer Kriegsgefangenschaft und später dann im Rahmen der Entnazifizierung zehn Jahre Berufsverbot bekommen.

Meine Themen sind ja schon länger sowas wie

  • Empathiebehinderungen
  • Recht auf Wegsehen
  • „Feinstofflichkeit“
  • Transgenerationale Traumata
  • Allgemeine Irrationalität und allgemeiner Wahnsinn
  • Leichtigkeit vs Todesblick

Die Welt ist zweifelsohne verrückt. Da liebt und hat jemand Pferde, rettet einen griechischen Hund und füttert diesem voller Inbrunst kleingehacktes Hottehü in Dosenform.

Wenn ich mit meiner Mutter über die Vorteile einer pflanzenbasierten Ernährung rede, zitiert sie die Buchenwald-Begrüßungsformel: „Jedem das Seine“

Die Pandemien der letzten hundert Jahre gehen im Kern auf abartigste Tierhaltungsthemen zurück und es gab meines Wissen noch nicht EINE Diskussionssendung irgendwo, die das thematisiert hat.

So in Art und im Zweifel noch dümmer und noch schlimmer. Aber jetzt gucken wir erst mal nach dem Todesblick.

Ausgangspunkt: wie muss man als Vater (Opa) so drauf sein, wenn der Sohn beruflich schwerstens abräumt, ohne auf den Gedanken zu kommen, eine Runde zu feiern?

#Ortsgruppenleiter

„Das Fundament der Diktatur: die NSDAP-Ortgruppen von 1932 – 1945.“ -gibt’s bei Amazon. Ab Seite 316 steht da, dass primär die Ortsgruppenleiter Deportationen vorbereitet haben. Treffer.

Mein Vater wurde nach dem Krieg jahrzehntelang in seiner „Hood“ gefragt, ob er mit dem Ortsgruppenleiter verwandt ist – „ZwinkerZwinker, war ein guter Mann“.

Ich fürchte, dass die Zwinker-Zwinker-Menschen nicht unbedingt jüdischen Glaubens waren.

#Bundesarchiv

Anmeldug bei https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/ – geht relativ schnell und man hat den ersten Zugriff. SA, SS und NSDAP-Akten muss man dann aber doch und. ggf. kostenpflichtig anfordern. Und ein paar Formulare ausfüllen.

#Peaky Blinders

Frisurentechnisch hätte Opa auch bei den Peaky Blinders anheuern können:

Ich bekomme also seine NSDAP-Kartei. Er war Sturmführer bei der NSKK. „Das NSKK folgte der rassenideologischen Doktrin der NSDAP und nahm nur Personen mit Ariernachweis als Mitglieder auf. Während des Zweiten Weltkrieges war das NSKK im Rahmen der Umsetzung und Legitimierung des Generalplan Ost in großem Ausmaß an den Deportationen von Juden und dem Holocaust beteiligt.“

#ADAC Gründungsmitglied oder Judenexporteur

Das Bundesarchiv weiß es nicht so genau. Anfrage beim Landesarchiv läuft: 220 Seiten Entnazifizierungsakten sind angefordert.

#Enkeljustiz

Habe ich das Recht oder die Pflicht auf Hinsehen oder Wegsehen? 1925 erschien „Mein Kampf“ wurde seinerzeit viel gelesen und besprochen. Hitler beschrieb die Juden als Parasiten und Krankheitserreger, die, wenn man sie nicht entschieden bekämpft, ihr Wirtsvolk umbringen würden. Außerdem unterstellt Hitler den Juden, durch Förderung der Prostitution bewusst die Syphilis zu verbreiten. Hab das selber nicht gelesen – steht so bei Wikipedia.

Die Frage, ob man im Lager der Weißen Rose oder in der SA gelandet wäre, lässt sich nur hoffnungsschwanger beantworten. Und führe uns nicht in den Abgrund.

In drei, vier Wochen dürfte ich seine Unterlagen von 1946 bis 1949 bekommen – wiegesagt 220 Seiten. Bin jetzt erstmal ergebnisoffen und drücke uns karmatechnisch die Daumen, dass alles nicht allzu schlimm war – opamäßig.

Meine Eltern haben keinen Bock, dass ich das aufwühle und wollen nix davon wissen. Ist okay, glaube ich. Oder auch nicht.

Ich glaube eher: es lohnt sich hinzuschauen, seine Lehren zu ziehen und idealerweise transgenerationale Scheiße aufzulösen.

Und was sagt Anne Frank?

„Wie wundervoll, dass niemand einen einzigen Moment warten muss, bevor er anfängt, die Welt zu verbessern.“

Ansonsten gilt:

Falsch #1

Die beste Freundin meiner Freundin hat gerade einen zehnjährigen Hund aus einer Tierheim-„Todeszelle“ in Griechenland gerettet. Der Hund wird jetzt von Leichenteilen ernährt. Diese Leichenteile stammen von Tieren, die nicht weniger empfindungsfähig sind als selbiger Hund.

Fun Fact: sie ist ein großer Pferde-Fan, hat eigene Pferde, die sie genau so liebt wie den Hund. Dass Fury oft in Hundefutterdosen landet, ist, denke ich, kein Geheimnis.

Wer selbst Viecher hat und sich Sorgen macht, ob eine vegane Ernährung funktioniert, bitte schön:

Lasse der Freundin jetzt für 50 Euro alle möglichen veganen Sorten Hundefutter liefern und bin gespannt, ob es Klick macht.