Midlife-Crisis

Eigentlich muss man ja nur American Beauty gucken und weiß Bescheid. Blöd, dass Kevin Spacey inzwischen als homosexueller Grapscher überführt und im Me-Too-Kontext aus der Kurve getragen wurde. Jedenfalls erschwert mir das die Identifikation mit dem Film.

Dann eben zu Wikipedia: immerhin hat die Midlife-Crisis einen eigenen Eintrag.

Zur Herkunft des Begriffs:

„Der Begriff „Midlife-Crisis“ wurde 1957 von dem kanadischen Psychoanalytiker Elliott Jaques geprägt, der auf einem Referat vor der British Psycho-Analytical Society über Patienten berichtete, die mit Mitte-30 erkennen, dass sie die Lebensmitte überschritten haben.[1] Jaques stellte einen Zusammenhang her zu den seit altersher bekannten Effekten, wie sie in der Einleitung zu Dantes Göttlichen Komödie dargestellt werden:

Als ich auf halbem Weg stand unsers Lebens,
Fand ich mich einst in einem dunklen Walde,
Weil ich vom rechten Weg verirrt mich hatte;

Als Auslöser identifizierte er die Erkenntnis über die eigene Sterblichkeit. Sein Vortrag beschrieb anhand von Biografien bekannter Künstler und eines anonymen 36-jährigen Patienten als Symptome ein Erstarken der Religiosität, sexuelle Promiskuität, eine plötzliche Unfähigkeit, das Leben zu genießen, eine hypochondrische Besorgnis über Gesundheit und Körper sowie zwanghafte Versuche jung zu bleiben. 1965 beschrieb er die Midlife-Crisis in einem Fachartikel in The International Journal of Psychoanalysis,[2] der großes Interesse in der Fachwelt auslöste. Erst nach Jahren veröffentlichte er, dass der 36-jährige Patient er selbst war.“

Erste Erkenntnis: wir werden älter. Die Lebensmitte ist nach hinten verrutscht. Mit Mitte-30 und einer Lebenserwartung von 100+ Jahren kann man Anno 2019 was anderes machen, als den Mond wegen der eigenen Vergänglichkeit anzuheulen, finde ich.

Ganz anders stellt sich das dar, wenn man in ACHT Tagen SIEBENUNDVIERZIG Jahre alt wird. Gleich mal nach den Symptomen schauen.

Erstarken der Religiosität: Treffer. Als Halb-Pantheist gehe ich inzwischen richtig ab, wenn ich auf einem Spaziergang irgendwelche Adler am Himmel kreisen sehe und ein paar Bambis in den Hecken ausmache. Auch schlimm: ich liege manchmal auf einer bestimmten Bank am Feldrand, lasse mir von Tina den Kopf kraulen und schaue Bäumen unters Blätterkleid. Oder: ich sitze in Messeanges am Meer – so richtig und so lange bis die Sonne untergegangen ist – mit Seufzerei und allem drum und dran.

Sexuelle Promiskuität: Gottseidank kann ich hier noch etwas von einem reichen Fundus zehren. Nachdem ich 2008 verlassen wurde und meine Ehe beendet war, hatte ich alle Götter auf meiner Seite – so mit Playmates, Unterwäschemodellen und ein bis zwei Ställen Russinnen. Ob und wie lange die Zehrerei noch reicht, muss man sehen. In Tinas Umfeld gibt es die ersten polyamoren Experimente. Und meine Hypothese, dass man nur alt genug werden muss, um ALLES zu erleben, steht.

Plötzliche Unfähigkeit, das Leben zu genießen: Treffer. Ich entwickele eine maximale Unwilligkeit, jeden Tag die bekannten und ausgelatschten Pfade entlang zu dackeln. Brutale Abneigung gegen durchaus komfortable Hamsterräder mit einhergehenden Schlafstörungen und permamenter Schielerei nach Ausgängen. Ähnlich wie als Schüler in der Oberstufe oder als Student in den ersten 16 Semestern: die Luft ist raus, die Geschichte ist komplett auserzählt, alles ist nur noch ein großer Sumpf.

Hypochondrische Besorgnis über Gesundheit und Körper sowie zwanghafte Versuche, jung zu bleiben: sobald ich in sowas wie einer festen Beziehung bin, lege ich jede körperliche Eitelkeit ab und werde fett. Meine anthropologische Erklärung dafür:  sobald ich fett bin, suchen sich die Weibchen einen anderen Hoschi, ich bringe mich wieder in Form und suche mir ein neues Weibchen.

Wenn ich pfeifen könnte, würde ich jetzt Circle of Life anpfeifen. So (oder so ähnlich) war das jedenfalls früher mit den Unterwäschedingens. Sehr angenehmes Konzept, das für Abwechslung und zwischendurch jede Menge Donuts und Currywurst sorgt.

Kann aber sein, dass dieses Konzept mit Tina nicht klappt. Ich fürchte, sie mag mich wirklich und ist nicht abzuschütteln. Also zumindest nicht mit meiner superschlauen Donut-Currywurst-Methode.

Will sagen: hier muss ich konzeptionell noch mal dran. Aber warum man fit und schlank sein soll, ohne dabei auf der Pirsch zu sein, ist bislang noch nicht zu mir durchgedrungen.

Noch mehr „Symptome“?

„Da der Begriff nicht als psychische Krankheit definiert ist, ist die Bezeichnung „Symptome“ im eigentlichen Sinne hier nicht angemessen. Als Anzeichen der Midlife-Crisis werden sehr unterschiedliche Beschwerden benannt. Meist berichten die Betroffenen von Stimmungsschwankungen, Grübeleien, innerer Unsicherheit, Unzufriedenheit mit dem bisher Erreichten (beruflich, partnerschaftlich, familiär). Die Gefahr von Überschneidungen der Anzeichen einer Midlife-Crisis mit den Symptomen einer psychischen Erkrankung im eigentlichen Sinne ist dabei groß (s. u.). Sofern sich aus den Belastungen keine psychische Erkrankung entwickelt, gehen die meisten Menschen aus diesem Lebensabschnitt mit dem Gefühl gestärkter innerer Reife und bewussterer Lebenshaltung heraus.“

Stimmungsschwankungen, Grübeleien, innere Unsicherheit: ja, hier.

Unzufriedenheit mit dem bisher Erreichten (beruflich, partnerschaftlich, familiär): meine Theorie ist ja, dass nicht die Hoffnung zuletzt stirbt, sondern die Hybris. Die Hybris was besonderes zu sein, was besonderes leisten zu können und was besonderes bekommen zu können. Insbesondere wenn man früher aus Versehen hier und da schon mal etwas Glück hatte und diverse Upgrades genießen konnte.

Der Verdacht, dass davon vieles nie mehr zu toppen oder auch nur zu wiederholen ist, wiegt schwer. Da muss man schon viele Interviews mit Birgit Schrowange lesen, bis man sich wieder beruhigt.

Ursachen?

„Als mögliche Ursache einer Midlife-Crisis kann aber auch der nun deutlich wahrnehmbare körperliche Alterungsprozess in Frage kommen.“

Eigentlich nicht. Maschine läuft. Habe sogar noch (ein paar) Haare.

Und jetzt?

Der Prozess läuft noch. Ich bin Kläger, Angeklagter, Staatsanwalt, Richter und Saaldiener. Ich sag dann Bescheid, wie es ausgegangen ist.

 

 

 

 

3 Kommentare zu „Midlife-Crisis“

  1. Wir alle wissen, wie American Beauty ausging; das mus ja nicht sein.
    Irgendeiner muss ja schließlich Insolvenz bei CTSO beantragen (können) 😉

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  2. Guten Abend G,

    zum Thema „fit und schlank“:

    Beste Grüße
    LGN

    PS: danke für die Empfehlung von „Deal!“, welche zwar nicht direkt an mich ging, die ich aber dennoch genutzt habe. Lesenswert.

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  3. Hi, LGN.

    Danke für das Video. Ganz toll. Ich persönlich überlege, wie ich möglich kostengünstig an einen Kastenwagen komme, der in die Tiefgarage meines Arbeitgebers passt und in dem ich zwischendurch mal ein Nickerchen machen kann. Du siehst: die Interessenlage kann variieren.

    Viele Grüße
    Garnix

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