Paradigmen

Gespräch mit der Tochter während und nach dem Verzehr von Spaghetti-Bolognese und Almond Magnums (beides natürlich vegan).

Garnix: „Wie denkst du über Konsum?“

Tochter: „Was meinst du?“

Garnix: „Alles, was über Essen und Trinken hinausgeht.“

Tochter: „Ok. Naja, man braucht irgendwie ein Haus.“

Garnix: „Schwupps.“

Tochter: „Wie schupps?“

Garnix: „Du hast dich gerade quasi für immer versklavt. Häuser in deiner Gegend kosten 600.000 Euro Miniminimum. Eher 800.000 Euro. Als abhängig Beschäftigter heißt es da, sich schön mit den bekloppten Vorgesetzten und Kollegen für die nächsten Dekaden zu arrangieren. Gas geben und Überstunden wären auch nicht schlecht, damit es mit der Gehaltsentwicklung nicht rückwärts geht. Sehr gut möglich übrigens, dass dein Job irgendwann in Billiglohnländer abwandert. Was noch?“

Tochter: „Naja, schon ein oder zwei Autos, wenn man eine Familie hat. Und vielleicht so zwei Urlaube im Jahr?“

Garnix: „An wie viele Kinder denkst du gerade?“

Tochter: „Zwei.“

Garnix: „Grob geschätzt, was denkst du, kosten die beiden Urlaube und vielleicht noch ein dritter Urlaub so zwischendurch?“

Tochter: „Kann schon ein bisschen kosten. Vielleicht so 10.000 Euro?“

Garnix: „Nur so nebenbei und über den Daumen: für 10.000 Euro Urlaub, musst du knapp das Doppelte brutto verdienen. Das wären dann rund 20.000 Euro pro Jahr, die man ranschaffen muss, um sich vom Sklavendienst so ein bisschen zu erholen.“

Tochter: „Ist das denn wirklich Sklavendienst?“

Garnix: „Interpretationssache und wahrscheinlich typabhängig – aber mit ein paar Hunderttausend Euro Schulden und einem mutmaßlich anstrengenden Job, ist man schon irgendwie sehr, sagen wir, eingebunden.“

Tochter: „Also im Zelt schlafen?“

Garnix: „Nee. Nur aufpassen, welche Paradigmen welche Auswirkungen auf dein Leben haben. Wenn es dein größtes Lebensglück ist, 50 Jahre in deinem Haus zu sitzen und das abzustottern, dann mal los. Ich fände es aber gut, wenn du solche Entscheidungen so bewusst wie möglich triffst.“

Tochter: „Verstanden.“

Garnix: „Darf ich dich noch mehr nerven?“

Tochter: „Na gut.“

Garnix: „Es gibt die Theorie, dass man quasi der Durchschnitt der fünf Menschen ist, mit denen man die meiste Zeit verbringt.“

Tochter: „Oh nein.“

Garnix: „Mit wem verbringst du die meiste Zeit?“

Tochter: „Mama, Papa, zwei Freundinnen und mit meinen Lehrern.“

Garnix: „Welche Kriterien entscheiden darüber, wie wichtig und gut ein Mensch für dich ist?“

Tochter: „Hmmmm. Also wahrscheinlich, welche Erfahrungen oder Geschichten und welche Erkenntnisse der Mensch zu teilen weiß. Dann noch welche Ideen oder Impulse er geben kann. Wie viel Liebe, Geborgenheit, Bestätigung er geben kann. Und natürlich wie viel Spaß man mit ihm haben kann. Und vielleicht noch wie viele neuen gemeinsamen Erlebnisse, Entdeckungen oder Abenteuer man zusammen erlebt?“

Garnix: „Cool. Wenn du dich darauf einlässt, ich habe da mal ein Excel-Sheet vorbereitet.“

Tochter: „War mir klar.“

Eine Viertelstunde später.

menschen

Großes Versagen der Lehrer. Papa mit großen Vorsprung auf Platz 1 – mit leichtem Spaß-Defizit.

Garnix: „Was glaubst du, was passieren würde, wenn man seine Zeit überwiegend mit +80%-Menschen verbringen würde?“

Tochter: „Wäre wohl ganz gut. Weiß aber nicht, wie man das ohne Rotation hinbekommen soll.“

Garnix: „Ich weiß. Diese quantitativen Ansätze sind alle auch ein bisschen gruselig. Aber vielleicht müsste man sich zumindest ernsthaft fragen, mit wem man an einem Tisch sitzen sollte, wenn es zum Beispiel darum geht, neue Ideen und Impulse zu bekommen oder Paradigmen zu hinterfragen. So nach dem Motto: man geht ja auch nicht zum Bäcker, um sich neue Turnschuhe zu kaufen. Ist auch viel verlangt, von einem Menschen alles zu erwarten.“

Tochter: „Verstanden.“

Ansonsten fahren wir gleich los und begrüßen das neueste Familienmitglied: Bruno.

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5 Kommentare zu „Paradigmen“

  1. Selbsterkenntnis über geschickte Fragen – Garnix goes Sokratis 😉 Ansonsten gefällt mir dein Stil dem Nachwuchs zur (vermeintlichen) Selbsterkenntnis zu bringen wirklich gut. Es bleibt deutlich konkreter als wenn man nur etwas nachplappert was einem vorgekaut wird.

    Weiter so, ich mag solche Dialoge!

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  2. Hi, Slowroller.

    Danke sehr! Meinst du mit Sokratis den griechischen Fußballer und Innenverteidiger?

    Viele Grüße
    Garnix

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  3. Jo, das Runde muss ins eckige und des Jochbein ist zum brechen da. Und in wirklichkeit meinte ich natürlich Sokrates, Asche auf mein Haupt 😉

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  4. Lese Deinen Blog mit großem Interesse und finde die privaten Einblicke sehr mutig.
    Ich kenne Euch und die Situation natürlich nicht persönlich, aber oberflächlich betrachtet muss der Mama-Mittelwert hoch. Lebensglück und so. Wie gesagt ich schreibe das eher aus Respekt vor deiner fortlaufenden Selbstanalyse. Vielleicht kannst Du mit Deiner Tochter ja zusammen daran arbeiten den Wert zu pushen. Dein Wert/Einfluss ist hoch genug dafür. Langfristig zahlt es sich für die Psyche immer aus auch mit verrückten Elternteilen oder Ex-Partnern im reinen zu sein.
    Ich bin aber nur irgendein Fuzzi aus dem Internet, der vielleicht keine Ahnung hat.

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  5. Hi, Conan.

    Danke für deinen Kommentar und den Tipp. Ich bleibe dran. 🙂

    Viele Grüße
    Garnix

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