Mein Risikomodell

Die Parameter. Mein aktueller Networth liegt so bei 660.000 Euro. Die Hälfte davon steckt in 47.500 CTSO-Aktien. Ich hatte erwähnt, dass ich ggf. noch mal so 25.000 Aktien hinzukaufen würde. Gesetzt den Fall, dass mit dem Hausverkauf klappt.

Unterm Strich wäre ich dann so mit 500.000 Euro in CTSO investiert, hätte 150.000 Cash (vor WOMO-Kauf) und könnte rund 70.000 Euro im Jahr sparen.

Frage an mich selbst: wie krank ist es, so viel Geld in eine Bioklitsche zu stecken? Ist meine Amygdala vielleicht einfach nur ausgeleiert? Geht’s mir mit Aktien so wie Alex Honnold beim Klettern? Fun fact: der lebt seit neun Jahren im Kastenwagen.

Ein Psychogramm. Ich vertiefe mich gerne in Projekte oder Themen – bis zum Anschlag. Tausend Stunden Recherche? Kein Problem. Macht mir Spaß. Und, ja, ich bin bereit, ins Risiko zu gehen. Die Schmerzgrenze ziehe ich bei etwa drei Jahren oder 210.000 Euro. Mit einer Sparleistung von etwa 70.000 Euro im Jahr, bin ich bereit drei Jahre meines Lebens zu „opfern“.

Ich illustriere das mal mit Excel:

Risikomodell2

Das sind natürlich alles nur verformelte Annahmen, die jeder für sich selbst treffen muss. In der Tabelle oben gehe ich von einem 75 % Verlust-Risiko aus. Da kann man auch 50 % oder 100 % eintippen, je nach dem was der Bauch sagt und wo man ggf. selbst die Reißleine ziehen würde. Im Fall von CTSO kann das auch mit der Nachrichten- bzw. Studienlage hin und her schwanken.

Wenn ich jetzt 100.000 Euro in CTSO investieren würde und bescheidene 1.000 % Gewinnpotential unterstelle, sind demnach 75.000 Euro „At Risk“, während ich in meinem „Komfortzonen-Saldo“ noch 135.000 Euro im Plus wäre, weil ich in diesem Modell ja bereit bin, 3 x 70.000 Euro zu investieren (210.000 – 75.000 = 135.000 Euro). Dass dem gegenüber ein großes Gewinnpotentiell steht, ist eh klar und steht ja da. Dass der Kurs auch hundert Jahre auf der Stelle humpeln kann, ist aber auch klar.

Verlassen würde ich meine Komfortzone also in diesem Model bei einer Investitionssumme von 300.000 Euro, weil ich 225.000 Euro At Risk wäre.

Mein Bauchgefühl ist übrigens eher andersrum: ich gehe zu 75 % davon aus, dass das mit CTSO klappt. Wenn ich die goldene Mitte und 50 % Verlust-Risiko unterstelle, könnte ich tatsächlich knapp 500.000 Euro investieren:

Risikomodell3

Muss man das nachmachen oder gut finden? Nein.

Kann man kritisieren, dass ich drei Jahre Arbeit für ein Investment opfern würde? Ja.

Kann man das als „All-In“ bezeichnen? Hängt davon ab, wie hoch man das Risiko einschätzt, demnächst arbeitslos zu werden.

Hier noch der Kollege mit der ausgeleierten Amygdala.

ps_
Ich würde drei Jahre Zeit/Kapitalinvest auch als Schmerzgrenze für eine Selbstständigkeit ansetzen.

ps2_
Um Missverständnissen vorzubeugen, Alex setzt etwa 60 – 70 Jahre Lebenszeit ins Maximalrisiko und ist deutlich bekloppter als ich. 🙂

ps3_
Hier noch das ETF-Konkurrenzmodell, das in den nächsten sagen wir zehn Jahren von 100 % Gewinnpotential und 40 % Verlust-Risiko ausgeht. Alles nur plakativ. Es darf sich jeder selbst seinen Teil dazu denken.

Risikomodell4

7 Kommentare zu „Mein Risikomodell“

  1. Hi, frommi2.

    Kenne ich. Kelly würde mir die 500 k€ (von 660 k€ = 76 % eingesetztes Kapital) bei 1.000 % Rendite und 22 % Totalverlustwahrscheinlichkeit genehmigen. Ansonsten: ich fürchte, es hat sich nix geändert. 🙂

    Viele Grüße
    Garnix

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  2. Ich denke mit 1/2 Kelly ist man gut bedient, da man dann immer noch nahe des mathematischen Optimums ist, aber einen gewissen Sicherheitspuffer gegen fehlerhafte Annahmen hat. Alles über 1 x Kelly kann das Portfolio so schnell zerlegen, das man keine Chance mehr hat das wieder aufzuholen. 80% Verlust = 500% Zuwachs notwendig um wieder auf den alten Stand zu kommen, aber das ist dir ja sicherlich eh alles bekannt. 🙂

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  3. Hi Allerseits,

    was mir z.B. beim Wikipedia-Eintrag über die Kelly-Formel durch den Kopf geht: oft wird ausgerechnet, wie man den Gewinn maximiert und nicht wie man den persönlichen Nutzen maximiert. Mit meinem Abstand zur Rente, bisherigen Rentenansprüchen und jährlichen Ausgaben könnte meine Zielfunktion z.B. wie folgt sein (für Depotstand in 7 Jahren mit dann ca. 10 Jahren bis zur Rente):

    <=200K: worst case – noch lange Notwendigkeit zu arbeiten
    400K: schlecht
    600K: ok
    800K: gut
    1200K: wäre nur minimal besser als gut

    D.h. die 400K Unterschied zwischen 400K und 800K sind für mich wirklich wichtig, die zwischen 800K und 1200K nicht. Meine Sparquote ist viel niedriger als von Dir, GoG, (meine Tina verdient gesundheitlich bedingt nix), deswegen bin ich deutlich vorsichtiger unterwegs.
    Die spannende Frage für mich ist: was ist heute (gegeben unsichere zukünftige Kursentwicklungen usw.) ein vernünftiges Verhalten? Ich versuche, mir da im Prinzip etwas zurechtzusimulieren (MC) und die Ergebnisse gegen Excel und Bauchgefühl zu vergleichen.
    Generell habe ich den Eindruck, dass zwar viel Brainpower in die Aktienauswahl, asset allocation, Gewinnmaximierung, Risikominimierung usw. gesteckt wird, aber dabei i.d.R. gegen eine Zielfunktion getuned wird, die einfach linear mit dem Vermögen steigt, aber nicht wirklich zur persönlichen Situation passt. Gerade in Schlagdistanz zur Rente und mit absehbaren Zahlungen von Lebensversicherungen in 10,15 Jahren passt ein "doppelt so viel Geld ist doppelt so gut" bei mir nicht.
    Wie seht ihr das?

    VG
    inventivedog

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  4. Hallo, inventivedog.

    Ich bin mir nicht sicher, welche Antwort du dir erhoffst.

    Wenn ich dich richtig verstehe, hättest du gerne in sieben Jahren einen Depotwert von 800 k€. Sagen wir mal, du brauchst dafür neben aller Sparerei eine Rendite / CAGR von 20 % p.a. Sagen wir weiter, das Mittel der Wahl sollen Aktien sein (keine Derivate, keine Immobilien). Dann würde ich vorschlagen, dass du dir Strategien anschaust, die in Backtests diese Performance hingelegt haben, die dir plausibel erscheinen und die du im Zweifel auch durchhältst, wenn alles irgendwann doof aussieht.

    Die Einsteiger-Lektüre dazu ist beispielsweise Magic Formula / Joel Greenblatt oder auch das Levermann-Buch. Das Extremste, was ich so in diesem Kontext finden konnte, ist das hier: https://garnixoderguru.com/2017/08/20/nev-experiment-teil-1/

    Um dich nicht auf eine falsche Fährte zu setzen. Ich habe locker 2.000 Stunden in das Thema investiert, mir ernsthaft 20+ Strategien angeschaut, nur um am Ende FÜR MICH zu entscheiden, dass ich 50 % meines Networths in eine Aktie stecke. Von wegen 2.000 Stunden: ich lese schnell und kann noch schneller Datenbanken zusammenklöppeln.

    Mein Tipp: klabustere dir in 15 Minuten in Excel eine eigene für dich plausible Fair Value Berechnung zusammen und suche dir fünf Unternehmen, denen du in den nächsten zehn Jahren ernsthaft ein Umsatzwachstum von 20 %+ p.a. bei stabilen und ordentlichen Margen zutraust. Vielleicht lässt du dich von Kissig und seiner Empfehlungsliste oder „Kleiner Chef“ und seinen Wochenupdates bei WO inspirieren. Stefan Waldhauser von High Tech Investing scheint auch einen guten Job zu machen. Ansonsten viele Videos von Munger und Buffett anschauen. Am besten so lange, bis es irgendwann für dich und DEINE Strategie klick macht.

    Da du offensichtlich berufstätig bist und eine Frau und ein Familienleben hast, noch eine nicht ganz unwichtige Anmerkung: selbst wenn du meinen Abkürzungsempfehlungen folgst, ist das immer noch so was wie ein Halbtagsjob. Unter 200 Seiten Lektüre/Bilanzen am Tag im sagen wir mal ersten Jahr wirds sehr schwierig (Buffett sagt man 500 Seiten pro Tag nach). Viel mehr als vier Stunden Schlaf solltest du da nicht brauchen. Dafür braucht deine Frau viel Geduld mit dir und deinem entrückten Zahlenblick. Immer schön gegenrechnen, wie teuer dich eine Trennung/Scheidung kommt. 🙂

    Viele Grüße und viel Erfolg!
    Garnix

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  5. Hallo GoG,

    danke für deine ausführliche Antwort!
    Viel Arbeit zu investieren, ist momentan für mich zeitlich nicht drin, von daher wird es auf ETF- basiertes buy and hold hinauslaufen, mit einem Depotanteil in Aktien (z.B. CTSO und bei Kissig abgeschaute Tipps).
    Was ich mir erhofft hatte ging mehr in die Richtung, wie Du oder andere bestimmen, wie viel sie investieren. Käme z.B. aus Deinem Excel-Beispiel (dem mit 75% Verlustwahrscheinlichkeit) für dich knapp 300K als gute Investitionsgröße raus?

    Zu Kelly: ob die Formel auf eine Aktienwette übertragbar ist? Was ist da „ein Spiel“, ein Handelstag? Was ist mit anderen Spielausgängen, wie sind die verteilt, ist der Sicherheitsfaktor 0.5 der richtige, …
    Ich habe das Kelly-Beispiel aus Wikipedia simuliert und komme genau auf die Zahlen dort, wenn ich den Median der MC-rollouts betrachte. Der Mittelwert ist allerdings 4 Größenordnungen größer:
    (N=1000, W=0.4, RW=0.4, Q=3, C= 1) Median: 1.65198e+07, Average: 1.5625e+11
    Die Kelly-Formel maximiert den Median, aber – selbst wenn die Voraussetzungen der Kelly-Formel im Aktienumfeld gegeben wären – macht es für mich Sinn, den Median zu maximieren?

    Zu Backtesting: finde ich spannend und habe früher mal etwas damit rumgespielt. Neben praktischen Fragen (woher nehme ich gute Daten?) ist eins meiner Probleme damit, dass es unendlich viele potentielle Strategien gibt und nur eine Vergangenheit/endlich viele Zeiträume für’s backtesting. Also droht overfitting und Selbstbetrug.
    Hier hat einer für „accelerating dual momentum“ getestet, wie das backtesting aussieht, wenn man nicht immer am letzten Tag eines Monats handelt sondern an anderen Tagen (letzte Grafik):
    https://allocatesmartly.com/taa-strategy-accelerating-dual-momentum/
    „Generally speaking, this isn’t what you want to see“.
    Beruflich kenne ich mich etwas mit KI/Machine learning aus, und die Grafik sieht verdammt nach overfitting aus. Solange mir keiner erklärt, was den letzten Tag eines Monats so besonders macht, bin ich skeptisch, ob accelerating dual momentum in Zukunft so gut funktioniert wie im backtesting.

    Allerdings hab‘ ich auch keine bessere Idee als backtesting und fand‘ die Performance bei Deinen Experimenten mit Quant-Strategien schon beeindruckend 🙂

    VG und jetzt aber Schluss für heute
    inventivedog

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