Die Gnade des späten Frugalismus

„Shake everything you’ve got“
Maceo Parker

Als 15jähriger klaute ich meinem Vater regelmäßig Bargeld aus seiner Brieftasche. Hundert oder besser zweihundert Mark. Fiel nicht weiter auf. Er war zu faul, kleinere Beträge zur Bank zu bringen und hatte meistens ein paar Tausend Mark dabei.

Das erbeutete Geld brachte ich mit meinem Mopped in den ältesten und versifftesten Club der Stadt. Eigentlich war ich viel zu jung. Ich wollte aber schon mal für später üben, wenn ich endlich 18 wäre und ein Auto haben würde.

Und so schlecht war der Club gar nicht. Prince war mal da. Und Maceo Parker. Und viel wichtiger: eine platinblonde Barfrau. Seit damals sind Blondies mein Leuchtturm in der Nacht. Kann auch sein, dass gegen halb drei regelmäßig ein Schwung Stripperinnen und Nutten aus dem Bahnhofsviertel auf einen Feierabendcocktail vorbeikamen. Nicht unwichtig, wenn man später mal Bücher schreiben will.

Doch wiegesagt: ich war viel zu jung und meine Verwegenheit endete kurz vor dem Wunsch, meinen Eltern eine Nutte vorzustellen und mit ihr anschließend in mein Kinderzimmer zu gehen. Eine sehr verzwickte Phase meines Lebens. Kurze Blende: ein Jahr später löste ich das Problem, in dem ich noch mehr klaute und mich bedarfsweise in einer Junior-Suite im Frankfurter Hof einmietete. Der Schulalltag war stressig und hier und da musste man sich auch mal eine Auszeit gönnen.

Zurück zu meinem 15jährigen Ich mit noch ungelösten Logistik- und Logisproblemen. Nach fünf Minuten hatte ich die Lösung: ich würde mich einfach auf die schwierigsten Fälle mit der höchsten Korbrate stürzen: frisch verliebte Frauen in Begleitung ihres vermeintlichen Lieblingsmenschen. Ich saß an der Bar, bestellte einen Bacardi-Cola nach dem anderen zu 13 Mark das Stück und ignorierte die Barfrau so gut ich konnte. Ich habe die Pferdeflüsterertaktik schon angewendet, da wusste der Original-Pferdeflüsterer noch gar nicht, dass es sowas gibt. Auf 3 Uhr machte ich mein Korbobjekt aus: eine frisch verliebte und vergebene junge Frau, die an ihrem Dingsda rumschraubte, der mit dem Rücken zu mir saß.

Ich fixierte sie. Als sie meinen Blick über die Schulter des Dingsdas erwiderte, warf ich meine Stirn in Falten, kniff die Augen zusammen, schüttelte leicht und verächtlich den Kopf. Danach: eine Runde Pferdeflüsterer.

Die Barfrau sprach mich an: „Wie alt bist du eigentlich? Und wo hast du das ganze Geld her?“

Garnix: „Im Herzen bin ich dreieinhalb. Und das Geld klaue ich meinem Vater aus der Brieftasche.“

Barfrau: „Ich glaube, ich mag dich. Tust du mir einen Gefallen?“

Garnix: „Kommt drauf an.“

Barfrau: „Kannst du bitte kurz auf die Bar aufpassen. Bin gleich wieder da.“

Garnix: „Geht klar.“

Als die Luft rein war, goß ich mir unauffällig nach. Provision. Oder auch die schwäbischen Vorfahren. Oder die erste Frugalistentendenzen?

Ich stand jedenfalls hinter der Bar, während die Frischverliebte vor mir auftauchte.

FV: „Hey. Was sollte denn der Blick?“

Garnix: „Das war ein fragender Blick. Das kann ja nicht dein Ernst sein mit dem Hoschi da.“

Janee, damals wusste man noch nix von Pick-Up-Artist-Kram. Das war 1987. Internet war noch weit weg. Bisschen wie Wilder Westen. Man musste improvisieren.

FV: „Boah, bist du scheiße.“

Garnix: „Danke. Kann ich dir noch was gutes tun?“

Sie lächelte, zwickte mich in den Arm, drehte mir ostentativ den Rücken zu und verschwand Richtung Toiletten.

Wo blieb denn eigentlich der Leuchtturm, wenn man ihn brauchte?

Barfrau: „Voll lieb von dir, der nächste geht aufs Haus.“

Garnix: „Keine Ursache. Bin gleich zurück.“

Höchste Eisenbahn. Die Toilette rief. Ganz laut.

FV: „Du lässt dir ja Zeit.“

Kann man alles auf die Hormone schieben. Und ein bisschen auch auf die Charakterlosigkeit im Allgemeinen. Schnitt. Zurück an die Bar.

Barfrau: „Du hast bestimmt morgen Schule, oder?“

Garnix: „Ja. Naja. Mittwoch entfällt ganz viel. Glaube ich.“

Barfrau: „Schön dass du da bist. Bleibst du noch ein bisschen?“

Garnix: „Nur wenn du mich mit nach Hause nimmst.“

Barfrau: „Das sehen wir dann.“

Mein ganzes Konstrukt, mein ganzes Lebensglück hing davon ab, dass meine Eltern morgens nicht in meinem Kinderzimmer nachschauten, ob ich noch schlief.

Während ich so an meinem siebten oder achten Bacardi-Cola rummachte, zwickte mir die Frischverliebte im Vorbeigehen in den Arsch und verschwand mit ihrem Hoschi in die Nacht. Die Liebe: wo sie hinfällt, wird sie totgetrampelt.

Irgendwann ging das Licht an. Feierabend. Die letzten Gäste wurden rausgescheucht, die Barfrau machte uns noch eine Runde klar, schüttelte unauffällig die Haare für mich und sagte sowas wie: „Soll ich dir ein Geheimnis verraten?“

 

3 Kommentare zu „Die Gnade des späten Frugalismus“

  1. Moin Garnix,
    Ich schon wieder.
    Danke für die schöne Erzählung am morgen. Manchmal denke ich mir, was ich für ein langweiliges Leben hatte bisher, wenn ich deine Geschichten lese.
    Ich möchte übrigens auch ein handsigniertes Buch vorbestellen. Danke.

    PS: CTSO bin ich jetzt mit 2.500 Stk am Start. Weitere Aufstockung nicht ausgeschlossen. Schließlich soll sich ja auch was an der Vermögensseite ändern, wenn sich der Kurs verfielfacht. Wobei da müsste ich vermutlich nochmal die gleiche Summe nachlegen, damit ich in 10 Jahren in Rente gehen kann. Dafür ist mir mein Netz aber nicht groß und engmaschig genug.
    PPS: war was gestern? 8,5% im plus…

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  2. Hi, Windsurfer.

    @Langweiliges Leben: eventuell hast du vieles unterwegs nur vergessen. Die Erinnerung müsste Ende 40 wegen galoppierender Langeweile zurückkommen.

    Danke für die Bestellung. Schon fünf oder sechs verkaufte Bücher! 🙂

    @8,5%: Keine Ahnung, was gestern los war. Am Montag gab es wieder eine Investorenkonferenz mit Dr. Chan. Vielleicht hat sich (neben dir) ja noch jemand erbarmt. Was neues wurde aber nicht erzählt.

    Viele Grüße
    Garnix

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  3. Hat nicht Baumaier nachgekauft – das erklärt den spruchhaften Anstieg 😉

    Ansonsten recht amüsante Geschichte, danke dafür.

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