Halbgas

Eigentlich bin ich ein ganz friedliches Kerlchen. Immer schon. Wenn man mich als kleines Kind glücklich machen wollte, brauchte es nur einen Kassettenrekorder, jede Menge Märchenkassetten und ein paar Holzbausteine, und ich war stundenlang beschäftigt. O-Ton meiner Mutter, die nicht wirklich ein Fan von mir ist: „es gab kein angenehmeres Kind.“

Als ich mit den Märchenkassetten durch war, kam die griechische und römische Mythologie dran. In der Grundschulzeit, wenn ich nicht gerade als Libero im Verein Fußball spielte, lag ich in jeder freien Minute mit Eintausendseitenwälzern in der Kettler-Hollywood-Schaukel meiner Eltern. Danach wurde es philosophischer und existenzialistischer: Der Rufer in der Wüste, der Fremde und so. Mit 15 war ich gefühlt hundertmal schneller und schlauer als heute, ich las Tag und Nacht. Mein komischer Verstand kannte keine Pause. Das war nicht so besonders angenehm. Fühlte sich so an, als sei ich weit und breit der einzige in Lichtgeschwindigkeit denkende und fühlende Mensch.

Naja, vielleicht waren es auch die Pickel, die Pubertät und irgendein Plunzenstückchen. Jedenfalls klaute ich mir eine Smith & Wesson .357 Magnum aus dem väterlichen Waffenschrank, ein bisschen Munition und dazu den VW Bus meines Vaters. Ich wollte dem ganzen ein Ende machen. Bei Vollmond, mit triefendem Weltschmerz und mit satten 15 Jahren Lebenserfahrung.

So gegen Mitternacht saß ich dann schließlich bei Mondschein im väterlichen Wald an einem kleinen Teich, wischte die Tränen weg, schluchzte, schneuzte und seufzte ein bisschen, während ich eine Kugel in den Trommelrevolver steckte und die Trommel, ohne hinzugucken, drehte. Der Gedanke war: man kann die Sache ja erstmal spielerisch angehen. So mit russischem Roulette.

Ich holte tief Luft, spannte dabei den Hahn und hielt mir das Ding gegen die Schläfe. Sicherheitshalber erstmal nur so halb. Kann ja auch was passieren. Noch mal absetzen. Noch mal ein bisschen heulen und schluchzen vor der nächsten Runde. Dann hieß es, den Zeigefinger an den Abzug zu legen. Huiuiui. Ganz schön gefährlich. Lieber noch mal absetzen. So ging das hin und her, bestimmt eine halbe Stunde lang.

Irgendwann musste ich laut lachen. Richtig laut. Alle Spannung löst sich auf. Wenn man irgendwann eh stirbt, muss man ja nicht so strebermäßig Vorarbeit leisten. Noch ein bisschen Tränen und Rotze mit dem Unterarm weggewischt und war ich wie neu geboren.

Seit dieser Nacht arbeitet mein Verstand nur noch auf Halbgas. Reicht aber immer noch, um sich extrem zu isolieren. Mein Umfeld ist nicht doof, da sind schlaue Mäuse dabei, die viel lesen – aber nichts zu Ende denken und keine neuen Gedanken entwickeln, während ich relativ unentwegt versuche, eine neue Sau durchs Unterholz zu treiben.

Das ist übrigens keine Kritik – versuch beispielsweise mal alleinerziehend mit vier Kindern über die heisenbergsche Unschärferelation im Kontext von Sepsisstudien nachzudenken. Geht nicht und braucht man nicht.

Die Lösung? Schwierig. Vielleicht ein bisschen Rotwein, Kaminfeuer und den Hund kraulen. Vielleicht aber noch besser, so der Plan, raus aus dem alten Kamuff und ab in die Welt – mit dem eigenen Queensizebett und der gemütlichen Bettwäsche im Wohnmobil. Eierkopfautismus plus Bewegung, ein bisschen Abenteuer und Abwechslung – alles so ein bisschen entspannter und mit Halbgas.

Schauen wir mal, ob das hinhaut.

2 Kommentare zu „Halbgas“

  1. „O-Ton meiner Mutter, die nicht wirklich ein Fan von mir ist: “
    –> lach, wegen dieser lakonischen Zwischenbemerkungen bin ich großer Fan des Blogs. Andere schreiben ganze Bücher über sowas…:)))

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  2. Hallo, fanzine.

    Danke für die Blumen. Vielleicht wird das mit dem Buch ja doch noch was.

    Viele Grüße
    Garnix

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