Lebensmodelle

Ich habe ja unzählige „Dachschäden“. Einer davon: ich schaue anderen ausgiebig dabei zu, wie sie mit ihrem Computer spielen. Konkret: ich folge Jimmy Broadbent auf Youtube, der gerade in einem 24-Stunden-Stream ein virtuelles Autorennen fährt. Jimmy lebt im und sendet seinen Kram aus dem Gartenhäusschen seiner Mutter.

Ein paar Bio-Fakten:

  • sein Vater hat sich umgebracht als er 13 war
  • die Versicherung, für die er gearbeitet hat, hat ihn rausgeworfen
  • seine Verlobte hat ihn verlassen
  • er hat mit Depressionen zu tun
  • er sitzt Tag und Nacht vor seinem Lenkrad und seinem Monitor

Bei allem ist er sehr sympathisch, witzig und liebenswert. Sein Youtube-Kanal hat demnächst 200.000 Abonnenten, und er ist inzwischen öfter als Kommentator für größere E-Sport-Events unterwegs. Sein größter Traum: raus aus dem Gartenhäusschen bzw. ein eigenes Haus. Und das wird auch klappen.

Warum schreibe ich das?

Fühlt sich für mich gerade so an, als sei der größte Lebenstraum aller Menschen um mich herum der Nestbau. Die eigene Wohnung, das eigene Häusschen.

Am Freitag war ich mit meiner Tochter in Frankfurt unterwegs. Wir hatten die Schlüssel zu ihrer zukünftigen Studentenbutze dabei. Ihr Opa, der alte Rotarier, hat vor zwei Jahren ein riesiges Mehrfamilienhaus mitten in Frankfurt abgestaubt. Der Typ wird dieses Jahr 80 und könnte beim nächsten Triathlon antreten. Trotzdem hat er als erste Maßnahme einen gläsernen Aufzug ins neue Haus einbauen lassen. Macht gleich einen ganz anderen Eindruck, sagt er. Die Studentenbutze ist ein Traum – mit Skylineblick, super zentral gelegen und maximal gemütlich.

Garnix: „Ist das hier euer Partytreffpunkt?“

Tochter: „YES! Ich habe hier auch schon mit Freundinnen gepennt. Sehr cool. Und der Aldi ist keine 30 Meter entfernt! Alles ist hier keine 100 Meter entfernt!“

Sie ist gerade mal 13, wohnt im Taunus und hat eine Stadtwohnung in Frankfurt, für die andere töten würden. Dazu die Schlüssel für ein Haus in Frankfurt mit großem Garten und Schwimmbad, das locker sechs Monate im Jahr leer steht.

Garnix: „Gar nicht so übel. Freue mich sehr für dich und euch. Brutales Potential!“

Es folgte ein Erkundungsrundgang. Mit Antesten der umliegenden türkischen Restaurants und Gesprächen übers Leben.

Garnix: „Alle machen so in Nestbau, während ich das gerade komplett loslassen will. So wohnmobil und segelbootmäßig. Ich verstehe nicht, wie man sich für immer so statisch einrichten will.“

Tochter: „Naja, vermutlich braucht man erst mal eine Basis, sonst hat man ja nix, was man loslassen kann.“

Garnix: „Passt ja auch, wenn man eine Familie gründen will – so mit Kindern, Wurzeln und so was. Aber danach?“

Tochter: „Ich weiß. Wir sind mit Bad Homburg irgendwie durch. Sehr schön da und alles. Aber wenn man dreitausend Mal auf der Louisenstraße war, reicht es einem. Jetzt kommt eben Frankfurt.“

Garnix: „Was bedeutet es für dich, wenn ich dein Elternhaus verkaufe und perspektivisch nur noch unterwegs bin?“

Tochter: „Ehrlich? Wenn ich größer bin, ist es mir im Prinzip egal, was du machst oder wo du bist, wenn wir uns hin und wieder sehen und du die Tickets bezahlst.“

Garnix: „Sicher?“

Tochter: „Ja.“

Ich selber bin derweil noch am Rätseln, was bei mir schief oder anders gelaufen ist. Das schwammige Gefühl: die Welt ist zu groß und bunt für statische Lebensmodelle. Entweder das oder einfach eine handelsübliche Lebensmittekrise.

3 Kommentare zu „Lebensmodelle“

  1. Hallo GOG,

    das mit den statischen Lebensmodellen kann ich gut nachvollziehen. Also den Part, dass du dich fragst, wie man noch so leben wollen kann. Bin selbst nicht in großem EFH, sondern in nicht so großer Mietwohnung aufgewachsen, auch sonst war nicht viel los mit „Wurzeln“. Mein Zukunftsentwurf (ich bin Anfang 20) sieht seit einigen Jahren dennoch ungefähr so aus:

    Beste Grüße
    LGN

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  2. Hallo, LGN.

    Schönes Ding! Wegen Wurzeln: ich freue mich sehr für meine Tochter, dass sie in ihrer aktuellen Lebenssituation wurzeln schlagen und hoffentlich Freunde fürs Leben findet. Und halte das gefühlt auch für besser, als beispielsweise auf einem Segelboot aufzuwachsen. Vor diesem Hintergrund bin ich heute quasi freier als mit 30 – so von wegen zunehmend autonomer Tochter vs. aktivem Nestbau.

    Viele Grüße
    Garnix

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  3. Wurzeln UND Flügel, beides wollte schon Goethe den Kindern geben. Ich denke auch, dass diese beiden Elemente auch später wichtig bleiben. Das heißt nicht, dass es Haus oder Hof sein muss – aber etwas, von dem aus man starten und zu dem man zurückkehren kann. (das können auch Menschen oder Gruppen sein) Ich bin der festen Meinung, dass man nur so wirklich Spaß an der freiheit hat, ansonsten ist die Gefahr zu groß, dass man sich in seiner Freiheit verliert.

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