Wippie

Aus meinem privaten Umfeld kennt und liest hier gottseidank keiner mit. Das gibt mir die Gelegenheit, die Protagonisten in meinem Leben hinterrücks, widerspruchsfrei und ungefragt auf die Bühne zu holen und ein bisschen zu beleuchten. Im Zweifel hätten die vermutlich garnix dagegen, weil ich per se ja nix schlechtes schreibe – von meiner Mutter natürlich abgesehen.

Ich weiß, dass ich „Wippie“ irgendwann und irgendwo schon mal ausführlicher beschrieben habe. Sei’s drum. Kommt er eben noch mal dran.

Wippie. Jahrgang 1950. Finanziell unabhängig seit mindestens 2005, obwohl er damals noch als Berater im Versicherungs- und Bankenbereich unterwegs war, was an unverschämten und gleichzeitig natürlich völlig gerechtfertigten Tagessätzen von rund 2000 Euro lag. Für 2k€ schmiere ich mir auch ein paar Butterbrote, steige auf meinen Roller und fahre in irgendeine Klitsche im näheren Umkreis.

Kennengelernt habe ich ihn so vor 14 Jahren in einem Meeting mit irgendeinem überforderten COO, der auf alle Ansagen Wippies schwer rumeierte. Wippie wirkt sehr präsent und intensiv und überforderte den COO mit seiner chirurgischen Präzision.  Beim dritten Rumeiern, brach Wippie das Meeting ab, ging zusammen mit mir raus und sagte, noch bevor die Tür hinter uns ins Schloss gefallen war, ziemlich laut: „was ist das denn für ein ahnungsloses Arschloch?“

Wir kannten uns noch keine zehn Minuten – und schon hatte er sich in mein Herz geschlichen. Liebe auf den ersten Blick.

In der Folgezeit saßen wir uns gegenüber. Er arbeitete an einer großen und tüfteligen Migration. Ich war damals noch Business Analyst für irgendeinen Quatsch.

Das erste, was er morgens laut und quer durchs Büro rief, wenn er mich sah: „wo und wann gehen wir heute essen, Garnix?“ Danach zog er sich die Schuhe aus und lief auf löchrigen Strümpfen durch die Gegend und zog die Schuhe erst wieder so gegen 10.30 Uhr an, wenn er sagte: „lass uns gehen, ich hab Hunger!“

Garnix: „Hab noch keinen Hunger. Guck mal auf die Uhr.“

Wippie: „Mir doch scheißegal. Dann lass uns halt erst ein bisschen spazieren gehen.“

Ich war damals noch relativ frisch dabei, hatte aber viel Verantwortung und konnte bei einem Fehler die ganze Produktion gegen die Wand fahren. Meint: ich war gedanklich rund um die Uhr damit beschäftigt, an die Arbeit zu denken.

Wippie: „Das legt sich noch: entweder du bist gut und die Sache funktioniert – oder halt nicht. Dann machste eben was anderes. Lass die Scheiße jetzt mal liegen. Lass uns spazieren gehen!“

Also gut. Wir zogen uns die Schuhe an (gute Sachen muss man sofort klauen) und gingen eine Runde spazieren. Eine Runde meint jetzt so zwei, drei Stunden – mit Lunch und Nachtisch und Gesprächen, wo man sich zur Ruhe setzt.

Garnix: „Ich war gerade auf Koh Samui. Beach House in erster Strandlage. Irgendwann war mir langweilig, und ich bin jeden Tag mit einem gemieteten Roller einmal um die Insel gefahren – auf Zeit. Sehr geil. Macht Spaß so ein Roller.“

Am nächsten Tag war Wippie in München, um seinen BMW C1 Roller abzuholen, den er über Nacht im Internet gekauft hatte.

Wippie: „Gute Idee mit dem Roller!“

So geht das seit Jahren – wir werfen uns irgendwelche Bälle zu – Thailand, Roller, CTSO, vegane Suppen, Fernseher, Staubsaugerroboter, was auch immer.

Den nächsten Urlaub verbrachte Wippie übrigens in Thailand, wo er für rund 300 k€ ein Ferienhäusschen kaufte.

Kurzer Schwenk in Wippies schwäbische Kindheit: ich fürchte, schön geht anders. Wenn ich richtig aufgepasst habe, war insbesondere sein Vater ein harter Hund, der ihn so früh wie möglich loswerden und auf den Bau schicken wollte. Hat alles nicht so gut geklappt. Wippie war derart renitent, dass man ihn irgendwann zu einem Professor Schnitzelschnatzel nach Heidelberg in die Psychiatrie verfrachtete. Schnitzelschnatzel untersuchte Wippie eingehender, kam zum Ergebnis, dass Wippie hochbegabt ist und besorgte dem Volksschüler eine Sondergenehmigung, um direkten Weges auf eine Hochschule zu gehen und zu studieren. Hätte ich das gewusst! Dachte immer, dass das Abitur total überschätzt wird.

Warum Wippie mit seiner Sondergenehmigung dann ausgerechnet BWL studieren musste, schieben wir mal auf seiner schwäbisch-materialistischen Gene.

Sein erster Arbeitgeber – eine große Bank – erkannte jedenfalls Wippies Potential. Und das, obwohl er kaum zu verstehen war. Man engagierte extra einen Sprach- & Sprechtrainer für ihn, der ihm den schwäbischen Dialekt wegtrainierte. Ha no!?

Hat geklappt. Wippie artikuliert inzwischen wie ein Weltmeister.

Anfang der Woche ist er nach Spanien gefahren – überwintert mit Hund und Frau in Andalusien. Zum Abschied rief ich ihn an.

Garnix: „Schön dass du noch mit mir sprichst!“

Wippie: „Warum?“

Garnix: „CTSO?“

Wippie: „Geht mir am Arsch vorbei. Rate mal, was der Mietwagen in Andalusien pro Tag kostet!“

Garnix: „Keine Ahnung… pro Woche vielleicht 60 Euro?“

Wippie: „49 Cent pro Tag! Für einen neuen Fiat 500. Die stehen da alle rum. Off-season. Du darfst nur keine Versicherung dazu buchen. Die bucht man separat. Gibt für 41 Euro pro Jahr so eine Mietwagenversicherungen von einer schweizer Versicherung, die alles vollkaskomäßig abdeckt.“

Garnix: „Du bist ganz schön schlau.“

Wippie: „Ich weiß.“

Die erste Mio hat sich Wippie vor Jahrzehnten mit sogenannten Brady-Bonds zusammengeklappert – das ganze mit einem guten aber nicht großartigen Gehalt – als Alleinverdiener und Vater von drei Töchtern. Danach kamen ein paar Immobilien insbesondere aus Zwangsversteigerungen dazu.

Vor vier, fünf Jahren lud er mich zu einem Süppchen zu sich ein. Als ich reinkomme, schreit er mich an.

Wippie: „Garnix, was ist hier los?“

Garnix: „Watt?“

Wippie: „Was ist das hier?“

Garnix: „Watt?“

Er reichte mir einen Depotauszug von irgendeiner merkwürdigen Depotbank samt einer komischen Beteiligung, die 300.000 Euro wert war.

Wippie: „ICH KENNE DIESES DEPOT NICHT!“

Garnix: „Nicht schlimm, wir machen einfach einen Depotübertrag zu mir und schließen das Ding.“

Wippie: „Hörma auf mit der Scheiße. ICH KENNE DIESES DEPOT NICHT!“

Das war nicht gespielt. Wippie hat überall Schätze verbuddelt. Da kann man schon mal einen vergessen.

Wippie fällt aus Zeit und Raum. Gibt niemanden, der so impulsiv und so direkt ist. Macht großen Spaß mit ihm. Außerdem kocht er mir regelmäßig etwas. Letztes Mal hat er sich dabei über seine Uniprofessoren-Schwiegersöhne lustig gemacht, die ihm seine CTSO-Aktien bei über 14 USD nachgekauft haben.

Im Sommer hängen wir in den Lafuma-Liegestühlen in seinem Garten rum und warten darauf, wer die nächste große Schnappsidee hat.

Wippie hält aktuell 130.000 CTSO Aktien. Falls die auf 77 USD steigen, schuldet er mir ein Wohnmobil. Naja, oder halt eine Suppe.

6 Kommentare zu „Wippie“

  1. Also die Mietwagen Versicherung würde mich ja interessieren. Ich miete ja oft, kann Wippie da nur zustimmen.
    Löse das bisher über die Miles More CC, da sind aber 230 SB dabei….

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  2. Muchas Gracias um es mal in Wippies aktueller Landessprache zu sagen. Ich checke das mal, wäre natürlich super. Da können wir mal eine vegane Currywurst essen

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