Deutschlands Aktien-Trauma

Wenn man sich den Spaß macht und nachfolgende Artikel und/oder Kommentare liest,

könnte man den Deutschen ein gewisses Aktien-Trauma attestieren.

Tun wir das für diesen Artikel und behaupten, die Telekom, Manfred Krug und der der Neue Markt haben an diesem Trauma Schuld.

Kann das stimmen?

Die Euphorie um die Telekom, irgendwelche Neuemissionen, EM.TV und Infineon usw. war groß. Freitagabends gab es zu dieser Zeit auf 3sat eine Börsensendung (3satBörse) – mit vielen Experten und entsprechenden Tipps. 3sat klingt jetzt nicht so nach viel Reichweite, aber die Sendung hatte eine große Resonanz. Es war die Stunde von Hans Bernecker, Egbert Prior und Bernd Förtsch aka Mr. Dausend Prozent.

Aus einem Artikel der Zeit Ende 2000:

„Die Folge ist häufig eine falsche Anlage-Entscheidung. Oder sogar die Pleite. Bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz melden sich inzwischen immer mehr Menschen, die Aktien auf Kredit gekauft haben. Ihr Depot diente als Sicherheit. Jetzt, da die Kurse sinken, liquidieren die Banken die Aktien für kleines Geld. „Viele gehen jetzt mit einem ordentlichen Soll-Betrag auf dem Konto nach Hause“, sagt Geschäftsführer Carsten Heise. Und geben womöglich allein den Börsengurus die Schuld, auf deren Empfehlung sie hörten. Unbedingt hören wollten. Selbst einen alten Börsenfuchs wie Hans A. Bernecker lässt die Gier vieler Privatanleger inzwischen zweifeln. „Heute wollen die Leute keine ernsthafte Beratung mehr“, klagt er. „Sie wollen nur noch wissen, wo man die nächsten 100 Prozent holt.“

Die Fanatasie der deutschen Anleger war groß. 80er KGV im Neuen Markt und ein 30er KGV im Dax. Kostolany wusste alles schon 1998 und warnte entsprechend:

Unterm Strich und in Beantwortung der gestellten Frage: ist blöd gelaufen. Die Sogwirkung des Neuen Markts war für viele viel zu groß. Hätte man Förtsch und den Kollegen diese Plattform ohne passendes Korrektiv bieten sollen? Angesichts seinerzeit idiotischster Bewertungen: nein. Am Ende hatten alle ein bisschen Schuld.

Was wären heute die Voraussetzungen für eine vernünftige Aktienkultur in Deutschland?

Weiß ich auch nicht. Die Deutschen sind hier extrem negativ eingestellt. Verletzungen, Zweifel, Ängste sitzen tief. Und doch: das Info- und Gegen-Angebot samt passender Protagonisten steht im Internet jedenfalls bereit:

  • Rente mit Dividende – sehr sachliches, unaufgeregtes, logisches und bodenständiges Konzept – Balsam für die geschundenen Aktienseelen
  • Kommer & Finanzwesir – die Antwort für alle, die sich mit dem Thema so gut wie keine Arbeit machen wollen
  • Madame Moneypenny – die die Frauenfinanzwelt umkrempelt

Da kann man nicht meckern. Wer dort ein, zwei Stunden liest, sollte von den gröbsten Ängsten befreit sein. Allein, wie transportiert man die frohe Kunde? Ich fürchte, hier hilft nur ganz viel Zeit und noch mehr Geduld und Nachsicht – insbesondere vor dem Hintergrund aller politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen und Sorgen der jüngeren Vergangenheit. Merz wurde und würde gesteinigt werden für seine Aktienideen. Der Blick Richtung Staatsfonds in Norwegen hilft auch (noch) nicht.

Es fehlt am Basisverständnis, einer neutralen Grundhaltung und letzlich auch an einem entsprechenden Interesse. Bei einem zukünftigen Rentenniveau von unter 50 % ist das natürlich eine Katastrophe und die totale Verweigerung vor allen bekannten Fakten.

Die Zinspolitik der EZB lässt den privaten Vorsorgern seit Jahren nur zwei Alternativen: Immobilien und Wertpapiere. Ich will den Immobilienmarkt nicht grundsätzlich abschreiben – es gibt Kollegen, die hier, wie es scheint, immer noch mit Erfolg agieren. Für mich persönlich ist der Immobilienmarkt abgegrast – und der Arbeitsaufwand bzw. insbesondere der teilweise unerfreuliche Kontakt mit Mietern ist mir ein Graus.

Bleiben aus meiner Sicht bei aller Scheu vor Risiko primär Wertpapiere übrig. Wenn man mich fragt, würde ich alle Richtung „Rente mit Dividende“ schicken. Das Kursrisiko tritt psychologisch in den Hintergrund. Und die Neuaktionäre haben mit jeder Ausschüttung ihre positive Rückmeldung.

Und warum – um Himmels willen – mache ich selbst dann alles anders und vermeintlich falsch?

Die Schuldigen in meinem Fall heißen Warren Buffett und Charlie Munger. Ich wollte brav bei meinen backgetesten Quant-Strategien bleiben. Schön Fair Values berechnen, bisschen Piotroski und einen Spritzer Momentum dazu. Benjamin Graham wäre begeistert gewesen.

Alleine: ich kann das nicht. Nach 2000+ Stunden Recherche werde ich mich auch in 2019 wieder auf ein Unternehmen konzentrieren und mich mit einem Investment von rund 300k an diesem beteiligen. Ganz grob ist das die Hälfte meines Networths.

Ist das gut und soll das irgendwer nachmachen? Eher nicht. Ich weiß leider nicht, wie man das Wort „Unternehmensbeteiligung“ betonen muss, dass deutlich wird, was ich hier mache. Um eine Analogie zu bemühen: ich könnte die 300k€ auch nehmen, um mich selbstständig zu machen – hätte sogar eine Idee dafür. Aber im Vergleich CTSO und angedachter Selbstständigkeit: es wäre vermessen von mir, 50 – 70 % Umsatzwachstum bei 70 – 80 % Bruttomarge zu unterstellen. Ganz abgesehen davon dass ich meinen Job aufgeben müsste.

Bis auf weiteres bleibt es hier also bei einem hohen Fokus und Einsatz.

4 Kommentare zu „Deutschlands Aktien-Trauma“

  1. Hallo, Oliver.

    Bin nicht sicher, ob ich deine Frage richtig verstanden habe. Falls du wissen willst, wie „meine“ 300k€-Aktie heißt: Cytosorbents.

    Viele Grüße
    Garnix

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  2. Servus aus Bayern, danke für den Rückblick auf die „Neuer Markt“-Zeiten, die ich als Börseneinsteiger miterleben durfte. Der Beitrag mit André Kostolany hat mich animiert den „mobilcom“-Chart aufzurufen. Wer sich erinnern möchte oder weil noch jüngen Jahrgangs einen Blick in die Historie nehmen möchte – der Chart dazu. Quelle: boerse.de. https://www.boerse.de/chart-tool/Mobilcom-Aktie/DE0006622400 (da auf max gehen)…. und bedenken, Kursdarstellung ist in Euro, die Runde war noch zu DM Zeiten. Ich finde lehrreich und ergänzt gut die Ausführungen von den an der Talkrunde Beteiligten. Verschneite Grüße – Udo

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  3. Hallo, Udo.

    Danke für den Chart. Rückblickend wirklich schade, welche Traumata sich die Deutschen damals eingefangen haben. Hat vermutlich annäherend die gesamte Generation für Aktien versaut.

    Viele Grüße
    Garnix

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