Schuld

Ich habe Mitarbeiter, die gutes Geld verdienen. Mehr als die meisten anderen Kollegen. Das begreife ich als Teil meiner Verantwortung: gute Arbeit -> gutes Gehalt. Jeder Kollege bekommt die passende Bühne, um Werbung für die eigene Leistung zu machen – inklusive Händeschütteln mit dem CEO.

Jeden Montag gibt es ein Team-Meeting. Ich gucke mir die Kollegen dann von oben bis unten an und frage, wie ihr Wochenende war. Wenn ich Ringe unter den Augen entdecke, will ich wissen, wie lange die Kollegen geschlafen haben. Wenn ich einen Ausschlag oder irgendwas sehe, frage ich, was los ist. Wenn jemand fett wird, besorge ich Obst und gehe mit dem Kollegen jeden Tag spazieren. Ich weiß auch, wenn es Probleme in der Familie gibt. Hin und wieder, kein Witz, messen wir auch den Blutdruck oder den Bauchumfang und starten irgendeine Challenge, um alle ein paar Kilo abzunehmen.

Alle vier Wochen sitzen wir vor einem Beamer (jau, ich habe einen eigenen Beamer in meinem Büro) und sammeln konzentriert Feedback ein. Wir haben etwa 20 Aufgabengebiete mit klaren Rollenverteilungen nach dem RACI-Prinzip. Wir quantifizieren über den Daumen alle Aufgaben in Sachen Qualität, Geschwindigkeit, Marketing, Akzeptanz und „Likeability“ – ich will also auch wissen, wie glücklich die Kollegen mit ihren Aufgaben sind. Alles, was unter 80 % ist, wird rot und erfordert eine Problembeschreibung. Wenn es gut läuft, fällt uns gemeinsam ein „Flip-It“, eine Problemlösung ein. Wenn nicht, schlafen wir alle drüber und greifen das Thema bei nächster Gelegenheit wieder auf.

Will sagen: ich achte darauf, dass wir jedwede Misstände erkennen, benennen und damit konstruktiv und nachhaltig umgehen. Ich verbringe mit den Kollegen mehr Zeit als mit irgendwem sonst, und ich habe eine Verantwortung für sie.

Klingt gut, oder? Und obwohl ich – ohne Rücksprache mit meinem Team – keine neuen Aufträge mehr annehme und mit maximaler Transparenz arbeite – schon immer und schon lange vor Ray Dalio – in Wahrheit und unterm Strich operieren wir immer an der Leistungsgrenze und schlimmer noch: in politischen Grabenkämpfen. Alle Versuche, sexy und geschmeidig zu bleiben, sind per se zum Scheitern verurteilt. Auch wenn wir über Wasser gehen würden, gäbe es noch Vorhaltungen. Auch wenn wir 99 von 100 Themen optimal betreuen, gäbe es die größte Kritik, warum die eine Sache gegen die Wand gefahren ist. Grober Undank ist der Welten Lohn. Übrigens: wenn mein Team unberechtigt angegriffen wird, kann ich sehr direkt, sehr laut und sehr böse werden. Allein es hilft nix. Ist wie wenn man im Schweinestall die Scheiße wegräumt: wenn man in der zweiten Ecke fertig ist, stinkt’s schon wieder in der ersten. Ad nauseam.

Und jetzt? Wenn ich auf das Jahr zurückblicke, habe ich es übertrieben und kann froh und dankbar sein, dass niemand aus den Latschen gekippt ist. Ein Kollege hatte zuletzt einen stressbedingten Ausschlag quer übers Gesicht. Wir haben uns umgehend hingesetzt und diskutiert, ob und was ich ihm abnehmen kann und soll. Der Ausschlag ist trotzdem noch da. Und das Risiko, dass die Kollegen kaputt gehen, auch.

Und, ja, zum Yoga und zur Massage und zu Sparquotenberechnungen habe ich auch schon alle eingeladen. Gamification-Ansätze waren auch schon da. Ändert aber nix – das Risiko bleibt. Ist kein Ponyhofkindergeburtstag. Und wenn einer umkippt, geht das gefühlt zu 80 % auf meine Kappe.

Wenn ihr Bock auf das Thema habt: Ray Dalio hat auf seiner Seite http://www.bridgewater.com ein Video zum Thema „Company culture and the power of thoughtful disagreement“ (ist auf der Hauptseite, bisschen nach unten scrollen, dann links klicken) aufgenommen. Ist ganz gut. Ändert aber auch nix.

ps_
Wenn das mit CTSO doch klappen sollte, kündigen wir alle, ich kaufe jedem eine Cordhose und einen Hoodie und dann spielen wir nur noch Gitarre und surfen. Jenseits der Feinde, nahe dem Meer:

Und falls Tina anruft, gehen wir zwischendurch auch mal nach Hause.

6 Kommentare zu „Schuld“

  1. Bin mir nicht sicher ob Du ein richtiger Chef bist, oder wirklich so feinfühlig. 😀
    Also ein damaliger Mitarbeiter ist mein / unser Chef geworden und das Arbeiten macht seither keinen Spaß mehr. Wir haben täglich unser Daily-Meeting und besprechen was wir gemacht haben, was wir machen und wo wir eventuell grade steckenbleiben.

    Und trotzdem wird man vom Chef ungefähr alle 2-3 Stunden gefragt wie der Status ist, wie der Stand ist oder wie es ausschaut. Das nervt gewaltig! Und Abends noch schön aufhalten und fragen wie es nun ausschaut. Ich hab mittlerweile das Gefühl kontrolliert zu werden, ob ich auch ja meine Arbeit mache.
    Wirkliche Unterstützung wie Du sie da erzählst, sehe ich nicht. Eher modernes Sklaventreiben.

    Wird Zeit für ein Gespräch! Denn so kann es nicht weitergehen. Hätte ich das damals gewusst, hätte ich selbstverständlich gegen den Posten rebelliert bzw. wäre gar nicht in sein Team gekommen.

    Oder Chefs sind so. Also bescheiden. Irgendwie.

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  2. Lieber Garnix,
    vielen Dank für die vielen, tollen Beiträge, Berichte und Anekdoten. Sehr kurzweilig und hebt sich echt von allem anderen ab.
    Nebenbei bemerkt: Schreiben ist wie Therapie.
    Mach in 2019 weiter so und viel Glück mit CTSO!

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  3. Hallo, Gurki.

    Sinn und Zweck von Team Meetings für mich ist, danach ungestört arbeiten zu können – gerne auch mal eine ganze Woche am Stück. Der ideale Mitarbeiter ist jemand, der schlauer ist als ich und den ich nicht kontrollieren, motivieren oder korrigieren muss. Das wird dein Chef vermutlich nicht anders sehen. Frag ihn doch mal, wo genau es für ihn klemmt. Alternativ: einfach auf das nächste Daily-Meeting vertrösten.

    Viele Grüße
    Garnix

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  4. Hallo Garnix,
    Deine Herangehensweise hört sich sehr gut an. Scheinst ein Topteam zu haben.
    Meine ein duzend Mitarbeiter dürfen auch alles bei mir abladen, wobei dieses Angebot nur 2/3 annehmen. Nebenher berate ich dann noch in Sachen Versicherung, Geld im allgemeinen und helfe auch bei der Steuererklärung. Insbesondere bei den Jungen sowie ausländischen MA kommt das super an.
    Mein Motto: wenn der Mitarbeiter sich wohl fühlt und sich geschätzt fühlt, dann ist er motiviert und engagiert. Wobei es gefühlt manchmal schon ein bisschen viel wohlfühloase ist…
    Grüße
    Windsurfer

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