Ego

Also gut. Schreiben wir etwas über das Ego. Dazu muss man wissen, dass ich nicht nur eine Mutter habe. Es gibt auch einen Vater dazu.

Jahrgang 1943. Totales Alpha-Tier mit großer physischer Präsenz – früher natürlich deutlich mehr als heute. Hat in den 1950er Jahren eine größere Bande in Frankfurt befehligt, die Schrotthändler beklaut und im Ostpark illegal Enten zum Eigenverzehr abgeknallt. Harte Zeit mit vielen Schlägereien in Trümmerlandschaften. Frankfurt war ein riesiger Nachkriegsabenteuerspielplatz. Mutter früh gestorben. Seinen Vater zum ersten Mal mit zehn Jahren gesehen. Russische Kriegsgefangenschaft und so. Gymnasium bis zum Schluss war nicht so seins. Dafür eine Lehre als Bundessieger abgeschlossen. Danach den Techniker gemacht, einen kompletten eigenen Sportwagen gebaut, um Angebote von Porsche und BMW abzulehnen und den Karosseriebau des auch früh verstorbenen Vaters mit Anfang 20 zu übernehmen. Jahre später kamen mal ein paar Schutzgelderpresser in seiner Firma vorbei, die alle umbringen – also zumindest die Mutti und den jungen Garnix – und alles anstecken wollten. Die sind dann im Krankenhaus wieder wach geworden.

Vom 13. Lebensjahr an hat er jedes Wochenende auf der Jagd verbracht – schön mit einem auseinandergebauten Drilling im Rucksack durch Feld und Wald getigert. Meine Mutter hatte er zehn Jahre später beim „Schüsseltreiben“ klar gemacht, die in der Dorfkneipe als Bedienung arbeitete. Keiner kann böser gucken als mein Vater. In Wahrheit ist er aber ganz friedlich.

Sobald ich laufen konnte, bin ich ihm nachgedackelt. Hauptsächlich in sein Jagdrevier. Wenn die Hände während eines Ansitzes im Winter schön durchgefroren waren, fand ich es gar nicht so schlecht, wenn wir irgendein Schwein abmurksten, und ich die Hände beim Aufbrechen ein bisschen in den Eingeweiden aufwärmen konnte. Mit etwa fünf Jahren bekam ich eigene Waffen. Das stark modifizierte Weihrauch-Luftgewehr war nur der Anfang. Ich hatte auch eigene Kurzwaffen, einen Sportbogen und war Spezialist im Messerwerfen. Ja, ich hatte natürlich ein echtes Rambo-Messer. Dauerte nicht so lange, und ich konnte mit seiner Mauser 66 im Kaliber 7 x 64 auf 150 Meter problemlos ein Zweimark-Stück treffen.

Mein Gedanke dabei war, dass eine Kugel rund dreimal schneller als der Schall ist. Wenn man also beispielsweise einem Wildschwein hinter den Teller schießt (hinter’s Ohr), dann ist es schon tot, bevor es überhaupt den Knall hört. Das fand ich gut. Töten, ohne Schmerzen zu bereiten. Lustigerweise habe ich zu dieser Zeit schon so gut wie nie Wild gegessen. Und Rehe abzuknallen, fand ich furchtbar. Ich war auf Füchse und Sauen spezialisiert. Mit 16 hatte ich Albträume. Ich war weit und breit der beste Schütze – aber ich wollte nix und niemanden mehr umbringen. Also zumindest keine Viecher mehr.

Dafür hatte ich so 50 Schlägereien mit Türken und Jugoslawen, die hießen damals noch so – waren von dem Bürgerkrieg aber schon so ein bisschen durch den Wind und wollten alle verhauen. Problem: ich bin nie vor einer Auseinandersetzung weggelaufen. Ging nicht. Die väterliche Prägung hat das verhindert. „Man läuft nicht weg.“

Der einzige Ausweg: sehr hart und sehr schnell zuschlagen. So Richtung Kieferbruch. Bei Zwei-Meter-Jugos vielleicht auch erst mal Richtung Solarplexus. Ich war ganz gut, sehr furchtlos – half ja nix: wenn man nicht wegläuft, muss man eben furchtlos sein. Nebenbei war ich noch so was wie Schulmeister im Kugelstoßen. Einen Bandenchef habe ich mal so hart getroffen, dass ihm das Gesicht aufgeplatzt ist, was Morddrohungen zur Folge hatte. Dafür wollten mich die Jugos in ihrer Gang haben und ein paar Strauchdiebe und Autoklauer und was weiß ich, wer noch.

So besonders sinnstiftend war das alles aber nicht: so schnell es mir erlaubt war, kaufte ich mir ein Mopped und hielt mich von öffentlichen Verkehrsmitteln fern. Büchereien waren auch relativ sicher. Also fing ich an, Tag und Nacht zu lesen. Das mit der physischen Dominanz war auf die Dauer ein bisschen eindimensional und grobschlächtig. Jetzt also Nietzsche, Schopenhauer und zur Auflockerung auch mal Oscar Wilde: „Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Versagers“, wusste er. Unterm Strich ist jedes Dominanzgehabe gockelhaft – wenn nicht von sogar von größeren Ängsten getriggered. Keinen Bock mehr auf den Quatsch. Zu rückständig und limitiert. Ging jetzt mehr um Authentizität umd so etwas wie einen eigenen Stil.

Wie bekommen wir jetzt die Kurve? Erstens: wir deklarieren den obigen Text als Hintergrundfarbe. Zweitens: wir greifen den Artikel-Titel „Ego“ schnell wieder auf.

Wenn alles halbwegs glatt läuft, weiß man mit Ü40 um seine gröbsten Schwächen und halbgaren Qualitäten. Dominanzgehabe wird allenfalls bemüht, wenn die Umstände explizit danach verlangen. Ansonsten ist Außenwirkung hoffentlich scheißegal. Alles Denken und Tun ist getragen von dem Wunsch, zu lernen und zu wachsen. Hier und da erlaube ich mir, Dinge auf die Spitze zu treiben. Das ist aber viel mehr einem Neugier-Langeweile-Gemisch als einem überbordenden Ego geschuldet.

Ansonsten gilt die Devise meiner Mutter: wenn man schon mal da ist, kann man sich auch halbwegs Mühe geben.

Fazit: überbordende Egos sind doof und limitierend. Aber bis mich die Freiheitsmaschinen und Finanzwesire performancetechnisch abhängen, hänge ich noch so ein bisschen mit meinen Einzeltiteln rum.

4 Kommentare zu „Ego“

  1. Hallo Guru
    Na da wird das Familienbild ja mal RUND . Spannende Kindheit . Auf so tolle
    Sachen kann ich ja leider nicht zurückblicken . Bei mir war das ganze Leben
    eher etwas langweiliger . Werde ich denn dann in die Mitte genommen ???
    So zwischen Pappi und Mutti ??? Ich glaube , da kann ich ja dann von BEIDEN
    noch was lernen . Der Immohai und der Autobauer , was will man mehr ?????

    Und als Lesetip , passt aber mehr zu “ Socken “ , oder evt. als Geschenktip
    für Tina zu Weihnachten : “ Teenager Hirn “ von Dr. Frances E. Jensen ,
    Amy Ellis Nutt . Aber Vorsicht , nicht das Du dich dann auch unter
    Medizinmännern , einreihen musst . “ Guru der Medizinmann “ .
    Damit ist dann auch gleich mal die Dopamin Frage ( S. 135 ) geklärt .
    Und evt. hilfts dir ja auch , das eigene Tochter “ Teenager Hirn “ , besser
    zu verstehen . Angeblich : DER SURVIVAL GUIDE ( lt. meiner Tina ) .

    Schöne Weihnachtszeit
    LG Det

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  2. Hallo, Det.

    Mitte passt und ist für dich gebucht. Danke für den Buchtipp. Schaue ich mir gerne an.

    Viele Grüße
    Garnix

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  3. Wenn man so viel von seiner Familie im Internet preisgibt muss man mit sehr kritischen Stimmen rechnen. Wenn ich den Text so lese, erklärt sich einiges hier im Blog. Mehr will ich gar nicht sagen, ist ja bald Weihnachten.

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