Kinderfrage

Heute diskutieren wir die ultimative Frugalisten-, Minimalisten und FU-Frage: welches ist die „richtige“ Familienform? Und viel wichtiger kann/darf/soll man sich Kinder leisten?

Wenn mich nicht alles täuscht, war Dirk „Crash“ Müller der erste, der in seinen Büchern den privaten Hauskauf als Lifestyle-Entscheidung enttarnte. Wir wissen jetzt: kann man machen, wenn man Spaß dran hat – man kann’s aber auch sein lassen und schön zur Miete wohnen.

Wie prinzipiell bei allen Erkenntnissen der Menschheit klingt das schon nach fünf Minuten trivial und profan. Als hätte man es ohnehin und längst gewusst. Es bleibt aber richtig und wichtig und die ersten 4:59 Minuten, wenn die Erkenntnisglühbirne leuchtet, macht sich durchaus so etwas wie Erkenntnisstolz bemerkbar. Bei mir ist das jedenfalls so. Insbesondere wenn die neue Erkenntnis festsitzende und als sicher verortete Paradigmen aufbricht und das aktive Vokabular um einen (blöden) Anglizismus erweitert: Lifestyle-Entscheidung. Danke dafür, Herr Müller.

Dass die für sich zu wählende Lebens- und Familienform Geschmackssache und die zentrale Lifestyle-Entscheidung überhaupt ist, nehmen wir für diesen Beitrag mal als gesetzt an. Von allen universellen biologischen Fortpflanzungsneigungen abgesehen konstatieren wir bei diesem Thema gleichzeitig einen gesellschaftlichen Erwartungs- und damit auch einen inneren Paradigmendruck.

So hat meine 13jährige Tochter beispielsweise den klaren Auftrag, mich eines Tages zum Opa zu machen. Grundsätzlich steht ihr natürlich auch frei, als Lesbe auf dem Mars zu leben. Mein Wunschplan sieht aber vor, irgendwann als Opa auf- und abzutreten. Circle of Life, König der Löwen und so weiter.

In meinem näheren und großstädtisch geprägtem Freundeskreis bin ich nun tatsächlich der einzige mit Kind. Meine Jungs sind geschieden oder Dauer-Single und behaupten, dass die Mädchen doof sind. Und die Mädchen behaupten das Gegenteil oder sind gleich lesbisch geworden. Kurzer Schwenk und Schwank: ja, ich war auch schon als Trauzeuge auf einer Lesbenhochzeit im Einsatz.

Ausnahmslos alle meine Freunde hatten oder haben einen zumindest latenten Kinderwunsch. Teilweise habe ich den sogar an die Oberfläche befördert, weil ich im Laufe der Zeit mindestens eintausend herzerwärmende Geschichten von meiner Tochter erzählt habe.

So weit zum Vorgeplänkel. Machen wir es konkreter und tauchen in einen Dialog ein, der so letzte Woche zwischen mir und einem 42jährigen Kollegen stattgefunden hat, mit dem ich ich in den letzten Jahren mehr Zeit verbracht habe als mit allen anderen Menschen.

Mit 39 sollte es losgehen mit dem Schwangerwerden. Zu der Zeit saß seine Frau als Ärztin fest im Berufssattel und sah keine Probleme, ein Kind mit ihrer Karriere zu vereinbaren. Das Einkommen der beiden lag deutlich über 200 k€. Man wohnte noch bescheiden zur Miete, hatte sich tolle Urlaube gegönnt aber auch eifrig gespart, um demnächst eine Immobilie anzuschaffen. Drei Monate später trennte man sich. Der Kollege war schwer gebeutelt. Irgendwas hatte die beiden aus der Kurve getragen. Inzwischen sind die beiden geschieden. Vor sechs Monaten ist der Kollege Onkel geworden.

K.: „Ich werde mein ganzes Geld meinem Neffen vererben.“

Garnix: „Was ist mit einem eigenen Kind?“

K.: „Ich kann dir drei Fälle aus meinem Freundeskreis nennen, in denen die Väter ihrer Kinder nur unter Aufsicht des Jugendamtes hier und da mal sehen dürfen, was wegen totaler Entfremdung so gut wie keinen Sinn macht und allen irgendwie nur weh tut. Einer hat deutlich über zwanzigtausend Euro Anwaltskosten auf der Uhr.“

Garnix: „Verstehe. Ich würde es trotzdem versuchen. Erstens kann die Beziehung zur Mutter aus Versehen ja auch halten. Zweitens muss es im Fall der Trennung nicht so schlimm sein wie bei deinen Freunden. Probier’s mal mit Geschmeidigkeit.“

K.: „Das Risiko schwingt aber mit. Außerdem habe ich keinen Bock mehr zu heiraten.“

Garnix: „Hat damit nix zu tun. Wenn du Bock auf ein Kind hast und die Frau, mit der du zusammen bist, als Mutter deines Kindes in Frage kommt, leg los. Dass nix für die Ewigkeit ist, hast du ja jetzt rausgefunden. Ich kann es trotzdem empfehlen. Und das obwohl ich meine Tochter längst an ihr Smartphone und an ihre Freunde verloren habe.“

K.: „Bin zu sehr Autist. Zu viel Risiko. Da ist nix mit Geschmeidigkeit. Bringt mich alles um. Dann lieber die Onkel-Schiene mit meinem Neffen.“

Normalerweise bin ich sehr dominant und drücke allem und jedem meine Meinung auf. Hier nicht. Ich hätte wirklich Sorgen um ihn, wenn der Umgang mit seinem Kind irgendwann auf der Kippe steht. Das Risiko besteht.

Ohne jeden Streit und trotz großzügiger Unterhaltsregelungen, wollte meine Ex wegen irgendwelcher Typen mindestens dreimal die Gegend hier verlassen. Hat viel Kraft gekostet, das alles immer hinzubiegen.

Kann man so leben? Soll man nach einer Scheidung schon den Schwanz einziehen? Ich kann es zumindest verstehen.

Und was hat das mit Eingangsthema zu tun und wie bekommen wir jetzt die Kurve zur Frugalisten–Schiene? Gar nix und gar nicht.

Naja. Um doch wenigstens halbwegs die Kurve zu bekommen: diese Onkel-Schiene ist gar nicht so schlecht. Mein Kollege tritt regelmäßig als Babysitter mit Windelwechselservice auf und arbeitet daran, der beste Onkel überhaupt zu werden.

Family light. Preis-/leistungsmäßig und risikotechnisch nicht so schlecht. Bisschen wie mieten.

32 Kommentare zu „Kinderfrage“

  1. Das gute alte Thema 🙂

    Niemand muss Kinder bekommen – allerdings ist das eben eine Entscheidung, die irgendwann irreversibel nicht mehr nachholbar ist.
    Wir haben unser Leben und die Welt genossen – studiert, gereist, gefeiert… und dann (mit Mitte 30) zwei zuckersüße Entdecker/innen gebaut, die man nicht mehr missen will. Es wird mit jedem Tag cooler – wenn auch deutlich anders als vorher.
    Ich habe es bei Jenny schon geschrieben: Jeder kann sich Kinder leisten. Ein Leben mit Kindern kostet (wenn man es sinnvoll anstellt) nicht mehr als ein Leben ohne Kinder, anfangs vielleicht sogar weniger. Gebrauchte Dinge sind eh viel gesünder (produktionsbedingte Schadstoffe mehrfach ausgewaschen) und ökologischer, man bekommt Geld und Vergünstigungen und schränkt seinen Lebensstil automatisch ein (ohne etwas zu vermissen).

    Was ich ein wenig übertrieben finde ist die Aussage mit den betreuten Besuchsterminen. Sowas gibts im Normalfall nur, wenn etwas massives zwischen Elter und Kind vorgefallen ist, sonst wäre das eh viel zu aufwendig. Nichtsdestotrotz kann das schon ziemlich zermürbend sein um die Liebe und Anwesenheit seiner Kinder kämpfen zu müssen. Aber hey – Augen auf bei der Partnerwahl.

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  2. Hi, slowroller.

    Danke für deinen Kommentar. Ich wollte ein bisschen eine Lanze brechen für Kollegen, die ganz eventuell an der Seitenlinie – so als Tante oder Onkel – besser fahren. Insgeheim hatte ich da immer ein paar Vorurteile – aber ich finde die Ängste inzwischen schon halbwegs nachvollziehbar. Falls es bei euch in die Brüche geht, können wir ja noch mal reden. Hatte das vergessen zu erwähnen: kommentarberechtigt waren nur Leute mit mindestens einer Scheidung auf dem Buckel.

    Spaß!

    Viele Grüße
    Garnix

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  3. Die Ängste sind durchaus nachvollziehbar – keine Frage. In diesem Fall – und das habe ich schlicht nicht beachtet, gab es leider keine Grundlage für eine eigene Familie (mehr). Das ist tragisch und mit Mitte 40 sollte man genauso wenig über den Zaun brechen wie mit Anfang 20. Da ist das Verhalten deines Freundes natürlich verständlich.

    Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich mehr Beziehungen habe zerbrechen sehen, weil man sich über das ob und wann der Famiengründung nicht einig war. Nach einigen Jahren Beziehung kann es halt sein, dass ein neues Level im Leben freigeschaltet werden muss, damit das Spiel nicht langweig wird. Irgendwann sind alle Länder bereist, alle Partys gefeiert und alle Geheimnisse entdeckt.

    Aber lange Rede kurzer Sinn: auch wenn meine Beziehung mal in die Brüche gehen sollte, hat es sich doch immer gelohnt. Und nein, die Scheidung lass ich sein, auch wenn die in einer Beziehung auf Augenhöhe nicht superdramatisch ist.

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  4. „Irgendwann sind alle Länder bereist, alle Partys gefeiert und alle Geheimnisse entdeckt.“

    Einspruch!

    Ich denke dann muss man halt etwas kreativer werden…es gibt immer noch etwas zu entdecken, sei es beim Reisen neue Orte in schon bekannten Ländern, neue Leute auf denen man sich bei den bisherigen Parties nicht unterhalten hat oder etwas, dass man als Paar noch nicht zusammen gemacht hat, …

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