Substanz & Show

Gehalt = Substanz x Show

Das Jahr hat zwölf Monate? Von wegen. In meinem Fall hat ein berufliches Jahr nur neun Monate. Januar bis September geben wir intern vollgas, arbeiten uns den Arsch wund, um ab Oktober alle Ziele übererfüllt zu haben und vom Substanz- in den Showmodus überzugehen. Ab Oktober machen wir quasi durchgehend Marketing. Feiern so öffentlich wie möglich unsere Erfolge und stellen scheinbar nebenbei und fast bescheiden konkurrierende Teams & Länder als Amateure dar. Was die in Q4 vielleicht noch reißen, interessiert keine Sau mehr.

Ganz wichtig: wir reklamieren den Erfolg nicht für uns, sondern für unsere gesamte Location. Wir lassen lokal alle so gut wie möglich aussehen. Jeder Schritt ist durchgeplant und folgt einem Zeitplan, der mit dem Tag der Gehaltsverhandlungen endet. Wenn ich bei meinem Chef antrete, um mir seine Unterstützung für ein paar Gehaltssteigerungen abzuholen, hat er idealerweise den Eindruck, dass mein Team über Wasser gehen kann.

Danach reisen wir noch ein bisschen rum, putzen elektronisch ein bisschen durch und legen so gut es geht hier und da die Füße hoch, um so viel Kraft wie möglich für das nächste Jahr zu tanken.

Was will der Künstler sagen: wer sein Gehalt steigern und nachhaltigen beruflichen Erfolg will, dem empfehle ich 75 % Substanz und 25 % Show & Marketing. Jeder Schritt ist so zu planen, dass die erreichten Ziele am Tag der Kompensationsverhandlungen die maximale Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit haben.

Macht ihr alles schon, bringt aber nix? CV updaten und einmal pro Jahr schauen, was der Markt so an anderen Jobs hergibt. Minimalziel ist immer das obere Ende der Market-Reference-Zone für die aktuelle Job Description.

17 Kommentare zu „Substanz & Show“

  1. Volle Zustimmung. Insbesondere auch, der Hinweis, doch die ganze Location gut aussehen zu lassen.

    Im Idealfall schafft man es dann noch, dem Gehaltsentscheider rechtzeitig ein nerviges Thema abzunehmen, welches man pünktlich eine Woche bevor der Judgement Day ansteht als erledigt verkünden kann. Ganz beiläufig. Timing ist alles. „Ach übrigens, die Sache mit dem Betriebsrat ist geklärt. Wir können nächsten Monat loslegen. Hat mich ein paar graue Haare und auch den einen oder anderen Gefallen gekostet, aber dafür können wir jetzt einen Haken dran machen… Wie war es eigentlich am Wochenende beim Tennistunier?“

    Ich bin übrigens immer aufs neue erstaunt, wie sich der eine oder andere Kollege wieder und wieder in Nebensächlichkeiten verkämpft – während der Substanz-Drops längst gelutscht ist. Und ich an meiner möglichst subtilen „Geile Dinge, die DrKangaroo in diesem Geschäftsjahr schon erreicht hat“ Marketing-Show feile.

    In Bezug auf deinen CV-Tipp kann ich (ergänzend) den meisten nur empfehlen, das Teil mal mit einem befreundeten HR-Profi zu optimieren. Insbesondere in der Hinsicht, dass der typische Personalkasper sich im ersten Durchgang regelmäßig maximal 30 Sekunden Zeit nimmt, um den Lebenslauf zu screenen.

    Gefällt mir

  2. Ich merk schon ich kann von euch noch seeeeehr viel lernen 🙂
    Ehrlich gesagt zerbreche ich mir oft darüber den Kopf wie ich es am besten bei einer Bewerbung darstellen sollte:

    Dass ich 3 Jahre ohne Schule war, 2 Jahre Sonder, und trotzdem in der Regelzeit Abitur+Kfm Vorausbildung gemacht habe, da ich an einem BGW Abitur gemacht hatte. Das mich während des Abiturs das Jugendamt einen Zahlungsverzug von 13 Monaten hatte, man aber trotzdem die Miete auftreiben musste. Und ich das Abitur dennoch durchgezogen hatte. Das ich bei der Feuerwehr war. Das ich Gruppensprecher für Heimkinder war, und geschafft hatte, dass wir Internet+ Handys haben durften (war sehr hart Jugendämter und Heimleitungen sind richtige Windmühlen, da musste man echt Hardball spielen), das man zum Jens Weidmann nach Frankfurt eingeladen worden ist. Das man eine Weiterbildung während des Abiturs für das Mittlere Management absolviert hatte. Das man während des Abiturs in einem Betrieb eine Facharbeit geschrieben hatte usw und so fort.

    Das war ich vor den Studium in Jena. Ein Typ der mit 19 beschiedenen erfolg hatte. Dann kam mein Vater in mein Umfeld und ein Versager mag keinen Erfolg. Weißt du. Ich habe 19 (okay eigentlich nur 6) Jahre ein wenig Erfolg. Und 2 Jahre die das totale Chaos waren. SFL lief nicht, Selbständigkeit lief nicht, Liebe lief nicht, Studium ebenso wenig, alles nur weil ich mich hab einschüchtern lassen. Und da frage ich mich wie erklärt man so etwas?

    Bei meinem letzten Bewerbunggespräch hat sich die Personalerin viel Zeit genommen, da konnte man das alles erklären. Sie meinte auch, dass man Raushöre, dass ich zu den Machern und nicht zu den „Fachidoten“ gehöre. (Sie und ihr Chef haben mir auch noch 3 mal Emails geschrieben, dass sie mich haben wollten, die Fachabteilungsleiterin aber nicht, weil grade jemand in dem Bereich eingestellt worden ist). So viel Zeit nimmt sich aber eben nicht jeder.

    Normalerweise sieht meine Bewerbung aus indem ich mein Sonderschulzeugnis zusammen mit einem anderen Zeugnis verschicke. Ich habe die letzten 2 Jahre nicht so viel auf der Erfolgsseite, sie waren sehr lehrreich. Das ärgert mich. Vielleicht sehe ich mich auch mal wieder viel zu negativ. Langsam rollt der Ball wieder.

    Wie würdest du damit umgehen garnixoderGuru?

    Gruß,
    Pascal

    Gefällt mir

  3. Hi, Pascal.

    Wenn du erlaubst, erzähle ich dir erstmal drei Geschichten.

    1. Meine eigene: Abitur ist mein höchster Bildungsabschluss. Studium abgebrochen. Keine Lehre. Nix. Garnix quasi. Fuß in die Tür bekam ich über einen Studentenjob, den ich ziemlich gerockt habe. Das Zeugnis aus zwei Jahren Studentenjob reichte dann, um von einer größeren Bude zum Gespräch eingeladen zu werden. Mit dem Personalchef habe ich seinerzeit über Literatur gesprochen. Reichte für eine Compound Annual Growth Rate von knapp 9 % in den den letzen 18 Jahren, ein sechsstelliges Gehalt und Personalverantwortung.

    2. Für die vorletzte Stelle in meinem Team, für die ich 65 k€ Budget hatte, sind etwa 25 Bewerbungen eingetrudelt. Gesucht habe ich einen jungen Kollegen, der mir ein paar Prototypen programmieren kann (nix wildes) und möglichst schlau und pragmatisch ist. Unter den Bewerbern waren teilweise Leute mit Promotion und tausend tollen Sachen im Lebenslauf. Eingeladen habe ich lediglich zwei der 25 Bewerber. Der erste war mir im Gespräch dann zu umständlich und zu langsam. Der zweite, den ich sofort eingestellt habe, war 26. Mittlere Reife und eine Lehre, die nix mit Programmieren zu tun hatte. Der Typ war genial, hab ihn sofort geliebt. Er war besser als ich. Familiengeschichte: Vater unbekannt. Mutter ein Junkie. Bei den Großeltern aufgewachsen, die beide kurz hintereinander gestorben sind, als er 17 war. Junkie-Mutter starb, als er 19 war. Weil er das Erbe nicht rechtzeitig ausgeschlagen hatte, hat sie ihm 80 k€ an Schulden vererbt, die er mühsam abstotterte. Freundin hatte ihn auch gerade verlassen. War alles scheißegal. Er war trotzdem oder deswegen oder warum auch immer richtig gut. Leider ist er irgendwann monatelang nicht mehr zur Arbeit erschienen, und ich musste mich schweren Herzens von ihm trennen. Wir haben heute noch Kontakt, er hat wieder Fuß gefasst und verdient jetzt um die 85 k€.

    3. Für die letzte Stelle in meinem Team (Ersatz für 2) habe ich das gleiche Profil gesucht: irgendein Junior. Entschieden habe ich mich für einen 58jährigen Familienvater von drei erwachsenen Töchtern. Totaler Quereinsteiger.

    Anmerkungen: um einen ernsthaften Kandidaten für meine Bedürfnisse rauszufiltern reichen mir zwei – drei Minuten. Von 20+ Bewerbern lade ich meistens nur 1 – 2 ein. Zur Absicherung, dass ich nix übersehe, gebe ich die Unterlagen auch einem erfahrenen Mitarbeiter, um zu schauen, ob er auf’s gleiche Ergebnis kommt.

    Fazit: Zeugnisse / Studienabschlüsse inkl. Promotion sind mir – je nach Stelle – im Zweifel völlig egal.

    Zu dir: auf die Gefahr hin, wie Gerhard Hörhan zu klingen, wenn ich jünger wäre, würde ich mir ernsthaft überlegen, Programmieren zu lernen. Nebenbei. VBA und Microsoft Access kann schon ausreichen, um dich abzuheben. Oder mach dich in Sharepoint zum Beispiel in Verbindung mit Webix fit. Eigne dir Zeug an, dass es dir ermöglicht Prozesse / Workflows zu optimieren.

    Wenn du nix mit sowas am Hut hast, wäre mein nächster Tipp, dich als Coach/Trainer für irgendwas zu qualifizieren. Gibt verrückte Sachen: ich bin beispielsweise und unter anderem zertifizierter Lego Serious Play Kasper. Oder einfacher: schau dass du Workshops moderieren kannst. Creative Problem Solving, Design Thinking, Agile, Scrum… irgendwas, was zu dir passt.

    Zur Bewerbung: Sonderschule hört sich doof an. Würde ich auslassen, wenn ich Abitur hätte. Zwingt dich ja keiner, ALLES hinzuschreiben. Liest eh keiner. Entscheidend ist, was du an Extras zu bieten hast und wie gut diese Extras zur ausgeschriebenen Stelle passen.

    Keine Ahnung, ob du damit was anfangen kannst. Drücke dir die Daumen!

    Viele Grüße
    Garnix

    Gefällt 1 Person

  4. Hi Pascal, noch ungefragt ein entenmäßiger Tipp:
    Lebenslauf pimpen schön und gut, gern auch mal was weglassen, aber dann besser nicht unter Klarnamen im Internet seine Lebensgeschichte ausbreiten.
    Nur für den Fall, dass Du Pascal Weichert heißt.
    Viel Erfolg!

    Gruß, Ugly (der in echt nur so aussieht aber nicht so heißt)

    Gefällt mir

  5. Dann von mir noch der Hinweis, Dir von möglichst unterschiedlichen Menschen einen Rat zu holen. Du bekommst dann ein Gefühl dafür, was für Dich passt. Den Rest läßt Du weg.

    Der Guru hier schreibt z.B., dass er bevorzugt Quereinsteiger mit Querlebenslauf und eigenem Drive einstellt und Promotionen und co sind Ihm eher suspekt.

    Weißt Du warum?
    Unbewusterweise umgeben sich Menschen gerne mit Ihresgleichen. Sie sind eine Bestätigung für den eigenen Lebensweg.

    In einem deutschen oder US-Konzern hättest Du damit nur eine sehr geringe Chance. Unter anderem deshalb, weil jeder der Entscheider ein Studium oder ähnliches hat. Der Kandidat ist dann „seinesgleichen“ und das gibt ein Gefühl dafür, wo der andere sich nachweisbar durchgebissen hat.

    Neueinstellungen sind immer ein Risiko. Bei diesen Menschen braucht es Hinweise darauf, dass man Ihnen vertrauen kann, sonst wird ein interner/bekannter Kandidat immer bevorzugt auch wenn er nur mittelmäßig ist. Das ist dann wie bei Mc Donalds. Du weißt was Du (nicht) bekommst.

    Ich würde Guru oder seine Beispiele in meinem Arbeitsumfeld nicht einstellen. Könnte ich gar nicht.

    In einem Start Up vielleicht aber dann auch nur auf selbständiger Basis, wo ich Ihn direkt wieder los werden könnte, wenn er 150% seines Humankapitals auf ein Projekt verwetten würde 😉 oder er „monatelang nicht erscheint“.

    Irgendwas muss man nach dem Abitur nachweisbar einmal durchgezogen haben. Wenn kein MINT Studium, dann eine eigene Firma auf die Beine stellen. Irgendwas mit Durchhaltevermögen und einem Minimum an sozialer Verträglichkeit. Nachweisen, dass man eine Zeitlang durch die sprichwörtliche Sche…e waten kann und nicht direkt aufgibt.

    90% des Erfolges in einer Sache ist „Nicht aufgeben“.
    Ich habe Menschen auf meinem Weg getroffen, die waren viel schlauer als ich und haben wiederholt etwas angefangenes nach kurzer Zeit wieder aufgegeben, wenn es schwierig wurde. Dieses Aufgeben wird irgendwann zu einer Charaktereigenschaft, wenn man nicht aufpasst.

    Du hattest nach eigenen Aussagen eine sehr bescheidene Kindheit. Das tut mir leid und Glückwunsch, dass Du Dich dort befreit hast. Was Du jetzt aber tun solltest, ist diese Sache nicht mehr als Entschuldigung zu benutzen. Wir können nichts für unsere Herkunft.

    Dein Weg ist dadurch ein längerer aber jetzt bist Du „für Dich selbst verantwortlich“.
    Wenn „Dein Vater Dir dann zu Nahe gekommen ist“, ist das keine Entschuldigung irgend etwas abzubrechen. Es war Deine Verantwortung. Mit diesem Abschieben von Verantwortung verbringen viele Menschen den Großteil Ihres Lebens. Sich dessen bewusst zu werden und 100% selbstverantwortlich für seine Entscheidungen zu sein, macht DEN Unterschied.

    Das ist meine „Brille“ zu dem Thema. Jemand anderes wird darüber die Augen rollen oder mich als „Angepassten des Systems“ verlachen. Deshalb der Hinweis mit den verschiedenen Ratgebern.

    Wünsche Dir viel Erfolg!

    Gefällt 1 Person

  6. Hallo, Maschinist.

    Danke für die Gegenposition. Meine Anmerkungen dazu.

    1)
    Leute, die ich einlade, sind per se Extrem-Performer. Der 26jährige (mit Mittlerer Reife und Lehre) hatte es beispielsweise als normaler Operations-Mensch geschafft, in seiner alten Firma seinen eigenen Server unter den Schreibtisch gestellt zu bekommen, auf dem er an allen Regeln vorbei mehr als 100 Applikationen/Tools laufen hatte. Bis vor kurzem war das Unternehmen, in dem er das geschafft hat, sogar noch im Dax.

    Der 58jährige (Abitur, abgebrochenes Studium, irgendeine komische Lehre) hat ohne dezidierten Auftrag ein Abwicklungssystem für das komplette Backoffice eines ausländischen Kreditversicherers gebaut. Am Ende haben damit sehr zufrieden 300 Leute an 15 Standorten in Deutschland gearbeitet. Beides Hochbegabte, besondere Menschen, die die Personalabteilung gar nicht zu mir durchlassen wollte. Ich musste dezidiert sagen, dass ich alle Bewerbungen sehen will.

    Die Gespräche mit den beiden Kollegen, an denen HR jeweils teilgenommen hat, war Hochgeschwindigkeits-Ping-Pong. Die Personaler haben null verstanden. O-Ton: „Nichts verstanden. Nicht mal euer Vokabular. Krasse Nummer.“ Alles, was langsam dämmerte, dass ich sehr genau weiß, wen und was ich brauche und dass sie sich besser raushalten.

    2)
    Ich hab garnix gegen Akademiker. Mir gegenüber sitzt ein Diplom Betriebswirt, der sehr gut ist. Kommt ja auch mal vor.

    🙂

    Viele Grüße
    Garnix

    Gefällt 1 Person

  7. Hallo zusammen, mal wieder ein wunderbar motivierender Text vom Maschinisten und eine solide Empfehlung. Aber so gegensätzlich finde ich Eure Positionen überhaupt nicht. Das Wort „Quereinsteiger“ sagt ja schon aus, dass derjenige sich höchstwahrscheinlich nicht auf direktem Weg dem Ziel genähert hat.
    Andererseits hätte sich das Wort sicherlich keiner ausgedacht, wenn solche Umwege nicht auch mal vorkommen würden.
    Jetzt bist Du aber noch jung genug, Pascal, dass man Dir nicht zwingend einen Quereinstieg empfehlen muss. Der geradliniege Weg ist zwar sicherlich der weniger spannende, bringt Dir aber bestimmt mehr Sicherheit und Bestätigung im Leben.
    Der Garnix dagegegen hat die Sicherheit von seinen Eltern und die Bestätigung holt er sich von uns. 🙂
    (Das sagen zu dürfen nehme ich mir einfach mal raus, als einer, der auch ein bißchen geerbt hat.)
    Also warum nicht nochmal eine Ausbildung oder z.B. ein duales Studium beginnen? Beides wird bezahlt, funktioniert also auch ohne Kohle von den Eltern. Wer das Abi geschafft hat, bekommt einen Gesellenbrief oder auch einen Bachelor auf jeden Fall hin!

    Gruß von der Ente

    Gefällt 1 Person

  8. Hallo, Duckly.

    Schön dass ich mit meinen Kommentaren die Stimmen der Vernunft hinter dem Ofen hervorlocke. Das gefällt mir. Noch ein kleines bisschen, und ich mache vielleicht auch noch eine Lehre. Oder sogar einen Bachelor of the Universe.

    @Pascal: Freiheitsmaschine und Duckly haben formal und total recht.

    Viele Grüße
    Garnix

    Gefällt 1 Person

  9. „Der 58jährige (Abitur, abgebrochenes Studium, irgendeine komische Lehre) hat ohne dezidierten Auftrag ein Abwicklungssystem für das komplette Backoffice eines ausländischen Kreditversicherers gebaut. Am Ende haben damit sehr zufrieden 300 Leute an 15 Standorten in Deutschland gearbeitet. Beides Hochbegabte, besondere Menschen, die die Personalabteilung gar nicht zu mir durchlassen wollte. Ich musste dezidiert sagen, dass ich alle Bewerbungen sehen will.“

    Wenn ich mich tatsächlich mal wieder im Recruiting austoben muss, dann mache ich größtenteils genau die umgekehrte Erfahrung: Der Fachbereich hat in nullkommanix ein nullachtfufzehn Anforderungsprofil erstellt (Bestnoten, Turbostudium, idealerweise Promotion und drei Sprachen fließend… ihr wisst, was ich meine) und mir unter der Hand noch zugeraunt, dass Frauen im gebärfähigen Alter nur höchst hilfsweise in Betracht zu ziehen seien. Den „genialen Quereinsteigern“ verschließt man sich von vornherein. Wenn ich es dann doch mal wage einen Exoten vorzuschlagen, wird nur müde abgewunken. Wir wären schließlich ein Top-Unternehmen, kein Gnadenhof, aber als Personal-Kasper würde ich das wohl nie verstehen. Blöd nur, dass einige der anderen (in der Regel jüngeren) Führungskräfte, die sich weniger beratungsresistent zeigen, die Konservativen in Sachen Performance jedes Jahr ein Stückchen mehr nass machen. Und sie wollen in der Regel, analog zu unserem Guru, alle eingehenden Bewerbungen sehen – was ich absolut schätze.

    Kommt am Ende natürlich auch immer auf die Position an: Während mir gerade im Vertriebs- oder IT-Bereich „alternative Lebensläufe“ sehr willkommen sind, würde ich auf der Suche nach einer Koryphäe der Chirurgie vermutlich eher weniger experimentell an die Sache herangehen. Der Typ mit der abgebrochenen Metzgerlehre käme dann wohl doch weniger in Betracht.

    Meine Learnings aus diversen Recruiting-Schlachten auf beiden Seiten des Tisches:
    1. Jede Firma setzt bei der Auswahl andere Schwerpunkte, jede Führungskraft hat höchst individuelle eigene Ansprüche, Vorstellungen und Spleens. Dein Englisch (ersetze wahlweise durch jede andere x-beliebige Qualifikation) ist mittelmäßig? Bei Unternehmen A bist du sofort raus, bei Unternehmen B ist das scheiß egal. Du siehst aus wie der ehemalige Mathelehrer deiner potentiellen zukünftigen Führungskraft? Bei Unternehmen A ist das ein plus, weil der Typ schon immer ein Mathenerd war, bei Unternehmen B sitzt leider jemand, den schon dein bloßer Anblick an die schlimmste Zeit seines Lebens erinnert – und tschüss!
    2. Es gibt also grundsätzlich, wie in den Kommentaren bisher schon gesagt, kein „So musst Du es machen“. Die perfekte Universalbewerbung gibt es nicht. ABER: Man kann verhindern, dass man bei der Bewerbung heilige Kühe schlachtet. Zu viele Rechtschreibfehler, beschissenes 90er-Jahre Design, völlig überladener und unübersichtlicher Lebenslauf, planloses „copy & paste“ Anschreiben, etc.!

    Im Grunde gibt es im Recruiting nichts was es nicht gibt (gilt ebenfalls für beide Seiten). Mir hat mal eine erfahrene, sturmerprobte Führungskraft gesagt „Wissen Sie, DrKangaroo, ob ich einen Bewerber nach dem Vorstellungsgespräch nehme oder nicht – das entscheide ich schon seit über 20 Jahren nach der Qualität des abschließenden Händedrucks. Wer ordentlich zupackt, der kann auch arbeiten. Und wenn ich doch mal falsch liegen sollte – wozu gibt es die Probezeit?“. Das meinte der völlig ernst. Und zugegebenermaßen hatte er nicht die schlechteste Abteilung über die Jahre zusammengestellt.

    Gefällt 1 Person

  10. Danke für die Einblicke, DrKangaroo. Schon mal an ein eigenes Blog gedacht? Ich würde es lesen.
    Und ich würde fünf Euro wetten, dass ich dein Unternehmen kenne. So bauchgefühlsmäßig.
    Das klären wir aber irgendwann später auf. Jenseits der Feinde, nahe dem Meer*

    * Ist geklaut: Romantitel eines Quasi-Bekannten, dessen Eltern heute noch denken, dass er sein Studium erfolgreich abgeschlossen hat. 🙂

    Gefällt mir

  11. „Eure“ Firmen klingen ob der Beschreibung für mich wie der produktive Garten von Eden.

    Bei mir kann ich froh sein, wenn die Leute den Filter bei Excel bedienen können… Allerdings ist man bei uns bereits mit nem S-Verweis und Pivot der Zauberer von Oz (#25% „Show“)
    @Guru: Hast du eigentlich „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace gelesen (oder geschrieben – würde ich dir zutrauen ^^) ?
    Gruß

    Gefällt mir

  12. Hallo, Zauberer von Oz. Zu meiner Schande: ich habe noch nix von Wallace gelesen. Steht aber auf der Liste. Viele Grüße, Garnix

    Gefällt mir

  13. …Ich warte immer noch auf denjenigen, mit dem ich mich über „Unendlicher Spaß“ austauschen kann.
    Personen, die das Buch bis zum Schluss gelesen haben, sind offenbar so selten wie ’ne „Blaue Mauritius“ ;).
    Gruß

    Gefällt mir

  14. Grade mal bei amazon ein paar Rezensionen gelesen.. da scheinen die Meinungen doch etwas auseinander zu gehen.. Kommt auf meine Leseliste, aber da stehen auch noch circa 150 andere Bücher drauf.. 😉

    Gefällt mir

  15. Der Typ fasst es gut zusammen:

    Bei Amazon habe ich vorab auch geschaut; nicht viele andere Bücher gelten als Jahrhundertroman, da kann man sich das schon mal antun.

    Gefällt mir

  16. „Danke für die Einblicke, DrKangaroo. Schon mal an ein eigenes Blog gedacht? Ich würde es lesen.
    Und ich würde fünf Euro wetten, dass ich dein Unternehmen kenne. So bauchgefühlsmäßig.
    Das klären wir aber irgendwann später auf. Jenseits der Feinde, nahe dem Meer*“

    Freut mich sehr, diese Lob von Dir zu hören! Drüber nach gedacht? Ja. Aber mir fehlt dazu momentan die Zeit – zumindest um es in einer für mich ausreichenden Qualität zu tun. Niveau-Nazi und so.

    ‚Jenseits der Feinde, nahe dem Meer‘ klingt nach einem guten Ziel. Ich bin dabei. Und wenn das mit CTSO klappen sollte, bring ich dazu einen guten irischen Whiskey mit.

    Gefällt mir

  17. Ach du meine Güte,
    vielen Dank für den ganzen Input.

    @Maschinist, da tragen wir beide die selbe Brille. Das ein Studium pflicht ist, bin ich mir unsicher, dafür kenne ich wahrscheinlich zu viele Unternehmer. 😀 Ich bin aber mit meiner Uni jetzt mehr als zufrieden. Zumal es jetzt zu 110% nur von mir abhängt und ich die Themen wirklich Interessant finde.

    Kleines Beispiel:
    Ich gehe einmal im Jahr mit jemanden Klettern, der in einem S&P 500 Konzern den Deutschlandvorsitz hat.
    Ist auch ein Vorbild von mir, er ist die Sozialkompetenteste Person die ich kannte. Er hat inneres Vertrauen zu den Menschen gehabt. Ich meine, wir hatten letztes Jahr einen Landrover versenkt (was eigentlich auch schon eine Kunst für sich ist). Er: „Ja, dann nehmt meinen Wagen wenn ihr wollt“ und das war kein 75 PS Ford Fiesta. So viel vertrauen in Menschen, keine Angst das wir etwas kaputt machen. Scheinbar hatte er uns auch richtig eingeschätzt.

    Ich bemerke immer wieder, die Menschen die richtig aufsteigen sind nicht die, die Fachlich die Besten sind, es sind nicht die, die am meisten Leistung bringen. Es sind die, die am besten Netzwerken, am besten mit Menschen umgehen können, sie begeistern können. Er hat auch sein Studium fertig gemacht und ein Unternehmen gegründet. Super Person. Richtiges Vorbild für mich, wie du und Guru es auch seid.

    Zu den Durchhaltevermögen kann ich mich nur anschließen. Ich behaupte mal für einen Marathon und Triathlon muss das vorhanden sein 😉
    Bei SEO war und ist durchhalten auch das A und O, eigentlich überall. Danke für den Schlag auf den Hinterkopf!

    @Guru, ich studiere Wirtschaftsinformatik, damit wäre der Hörhan hoffentlich gelindert 🙂
    Zielkorridor für dieses Semester ist 1,2-2 in Fächern in denen man es Kapieren muss (Mathe, Statistik und Objekt Orientierte Programmierung usw) Bei den reinen auswendig-lern fächern gebe ich mir kein Niveau vor. Aber ich hatte schon mal ein 1,2er Schnitt (bevor meine Eltern in meinem Umfeld waren) dann schaffe ich das bestimmt nochmal.

    @Ugly ducky
    Also ich Studiere schon Wirtschaftsinformatik.
    Ausbildung: Nein ich bin zu mehr fähig. Ich hab mir die IHK Abschlussprüfung für den Fachinformatiker angesehen und dachte, ne das kann nicht sein. Ich bin zu mehr fähig.
    Duales Studium, Jaein.
    Also nein, weil ich nicht mehr an eine Präsentsuni wechseln werde. Ich bin mit meiner Uni mehr als Glücklich. Die Anforderungen sind klar. Keine komischen Vorlesungszeiten, keine Professoren die zu Müßigang neigen und kein Pascal der es im zweifel auf die Professoren schieben kann. Man ist in der Zeiteinteilung sehr Flexibel, auch Räumlich komplett unabhängig, welches auch den Betrieb zu gute kommt. Denn nur wer Flexibel ist und sich anpasst, kann überleben. Also ich kann meine Prüfungen in ganz DE schreiben, als auch in Parterunis, Göethe instituten oder in Deutschen Botschaften.
    Ja, weil ich mir mein eigenes Duales Studium spätestens im nächsten Semester selber basteln werde. Ich weiß noch nicht ob mir der Werksstudent reichen wird, 20h sind ja nix. (Außer in der Prüfungsphase)

    @all
    Mir ging es um den Post um die Frage, wie ich es schaffe eine „Lücke“ zu schließen im Lebenslauf, die eigentlich keine ist. Die letzten zwei Jahre habe ich vieles versucht. Gemeinsam mit ein paar Asylanten habe ich versucht den ersten Syrischen Finanzvermittler aufzubauen und bin daran gescheitert (Hauptsächlich an der Regulatorischen Komponente) genauso wie ich bei den Chatbots gescheitert bin (auch an der Regulatorischen Komponente und der Rechtsunsicherheit). Das Familiäre ding war einfach nur was das Fass zum überlaufen gebracht hatte.

    Das ich mir dieses Jahr ein paar Monate urlaub genommen habe, in denen ich dann doch auch irgendwie gearbeitet hatte, halte ich aber ehrlich gesagt nicht für so schlimm, da ich die letzten beiden Jahre meist einen 10h Tag + Uni hatte, die freien Wochenenden konnte man auch an einer Hand abzählen, immerhin die Bürostühle waren bequem 🙂

    Für einen entscheider Klingt „Versuchen“ nicht so geil wie „Erfolgreich aufgebaut“, das meine ich damit. Also vorher hatte man was Handfestes. Und natürlich war ich Mitte diesen Jahres auch echt über Urlaubsreif.

    Ich belasse es mal hier, das Textfeld fängt schon an rumzubuggen.
    Eure antworten haben mir sehr weiter geholfen, danke 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s