Freiheit und dann?

Gefühlt der 872. Artikel zum Thema. Frei nach dem Motto „alles wurde längst gesagt – nur leider noch nicht von jedem“.

Die Frage „und dann?“ wird mir tatsächlich des öfteren gestellt – und unterstellt, dass man sich zu Tode langweilt und auf der Couch vergammelt, sobald man seinem Hamsterrad entflohen ist.

Mein Vorteil: als Student hatte ich schon mal sieben Jahre Narrenfreiheit. In sieben Jahren war ich vielleicht viereinhalb Tage an der Uni. Den Rest der Zeit habe ich für allerhand Schabernack genutzt. Schabernack oder edler: schöperische Kreativität. Ich hatte Zeit, viele Themen und Prozesse zur Perfektion zu bringen. Beispiele:

  • Ich bin ein Jahr lang jeden Tag drei volle Formel 1 Grand Prixs in Grand Prix 2 (mit Lenkrad und so) gefahren. Schwierigster Schwierigkeitsgrad und trotzdem alle zweiundzwickig mal überrundet
  • ich habe alle Bachkantaten rauf und runter gehört und meine Leber ausgiebig mit irischem Whisky bekannt gemacht
  • ich hatte Zeit und Lust, Anteil am Leben mehrerer und sehr schöner Stripperinnen zu nehmen
  • ich hatte einen Verleger, der mich liebte
  • ich hatte Zeit, richtig zu lesen
  • usw.

Alles verjährt. Nur das Konzept bleibt gültig: schöperische Kreativität.

„Kreativität: der natürliche Feind der Langeweile. Nichts fürchtet sie mehr.“

Kreativität entsteht für mich aus der Tiefe des Raums, in Abwesenheit von Verpflichtungen und Terminen. Gib mir zwei Wochen in einer Waldhütte, und ich bin neu geboren. Inklusiver neuer Ideen, ernsthaftem Interesse an anderen Menschen, Begegnungen und neuen Erfahrungen.

An dieser Stelle und aus dem „Off“ hört man jetzt: kannste doch jetzt schon, Doofkopf!

Nee, leider nicht. Bin beruflich im Menschenfängergeschäft. Habe einen Arsch voll Termine und tausend Stimmen im Kopf – am lautesten die eigene. Wenn ich zwei Wochen nicht im Büro bin, kann ich hinterher 26 Feuer austreten. Parallel laufen zu jeder Zeit noch 279 Intrigen, Machtkämpfe und Illoyalitäten. Wenn ich nach Hause komme, ist alle Energie und alle Lust verschüttet. Mehr, als ins Bett zu klettern, ist da nicht mehr. Selbst an guten Tagen höchstens ein humpelnder Schatten meinerselbst. Ständiger beruflicher Höher-Weiter-Schneller-Aktionismus, setzt alles immer nur ins Defizit lässt keinen Raum für Rückzug, Kontemplation oder Eremitage.

„Unter den entgegengesetztesten Emblemen stellt sich uns das Gemälde der Glückseligkeit dar. Ein Harem* und eine Eremitage – ein Gewand von Purpur und ein Stachelgürtel – Schaffen und Dulden – Wirken und Streben, – diese und tausenderlei andere Dinge können den Durchgangspunkt zu derselben bilden und für den Menschen die Maske des ›höchsten Gutes‹ annehmen.“

(* meint natürlich Tina)

Glückseligkeit wird hier als Mischverhältnis von sozialer Interaktion (Harem / Gewand von Purpur) und einer Eremitage (Stachelgürtel) beschrieben.

Bis auf den Stachelgürtel für die Eremitage kann ich das so für mich unterschreiben. Gibt genug Menschen, die sich vor Einsam- und Zurückgezogenheit fast fürchten und von einer Interaktion in die nächste hüpfen und beispielsweise nie länger als vier Wochen Singles sind. Alles Geschmackssache – meine Empfehlung ist hier aber eine andere: gelegentlicher totaler Rückzug und Reset. Vorräte für zwei, drei Wochen bunkern, Bett frisch überziehen und danach ausgedehnt die Zimmerdecke anstarren oder auch mal die Decke über den Kopf ziehen. Gedanken ins Leere laufen lassen und viel schlafen. Maximale Inaktivität abgesehen von aktiver Verweigerung jeder Kommunikation. Im Ideal: ein zweiwöchiges Abtauchen in sich selbst.

Wenn alles gut geht, findet man heraus, dass man ein ganz lustiges Kerlchen ist, dass man mit der Welt neu versöhnt ist, den eigenen Kompass neu kalibriert und Kraft und Lust ohne Ende hat.

Und ein so ein bisschen „schöpferische Kreativität“ aka irgendeine Schnappsidee, was man dann so anstellt, hat man immer. Ehrlich.

Schönes Wochenende!

7 Kommentare zu „Freiheit und dann?“

  1. An alle RSS-Reader: eigenartigerweise lese ich erst Korrektur, sobald ich den Artikel schon veröffentlicht habe. Vorher scheint meine Scham nicht groß genug zu sein. Also am besten immer erst 15 Minuten nach der Veröffentlichung lesen, dann sind die gröbsten Fehler korrigiert. 🙂

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  2. Hallo Garnix,

    „Long Time Listener, First Time Caller“ hier, wie es bei US Radiostationen so schön heißt. Die üblichen Lobhudeleien spare ich mir. Wird zu gegebener Zeit nachgeholt.

    Bin – wie vermutlich viele Leser – durch deinen Blog auf CTSO aufmerksam geworden. Nach umfassender Due Diligence ist nach und nach die eine oder andere Aktie der Firma in mein Depot gewandert. Gerade heute habe ich nochmal nachgelegt. Knapp 20% vom Portfolio (ansonsten überwiegend bestehend aus Brot und Butter ETFs) reicht mir an Wahnsinn. Fürs erste.

    Wie schätzt Du die aktuellen Expected Sales für das Q3 von Zachs (Range: 5.70 Mio Dollar bis 6.11 Mio Dollar) ein? Wäre eine Q3/17 zu Q3/18 Entwicklung von ~ 65 bis 77 Prozent. Meine Meinung? Läuft. Bin da ganz bei Dir und Kathleen Bloch: Die Sales-Growth-Rate ist DIE entscheidende Kennzahl von CTSO. Scheiß auf die Earnings. Wenn es Sinn macht, dann sollen sie ruhig noch mehr Geld in Marketing & Vertrieb pumpen.

    Be excellent to each other!

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  3. Hallo, Dr.Kangaroo.

    Meine Range für die reinen Sales-Umsätze für Q3 ist 5,42 Mio USD – 6,36 Mio USD. Dazu kämen jeweils ca. 500 kUSD an Grants. Also 5,92 bis 6,86 Mio USD gesamt. Alles übelste Kaffeesatzleserei, aber ich kann’s zumindest erklären:

    Währungsbereinigt war der Umsatzzuchwachs YOY zuletzt bei 58,4 % – Frau Bloch sprach bei den Q2 Ergebnissen davon, dass 371 k€ USD des Umsatzwachstums YOY währungsbedingt waren. Wenn ich diesen Effekt rausrechne, sind 5,42 Mio an Sales meine untere Range für Q3.

    Die obere mit 6,36 Mio USD geht auf den Hinweis unseres CEOs zurück, dass es durchaus saisonale bzw. quartärliche Unterschiede gibt in der Umsatzentwicklung. Wenn man das durchschnittliche sequentielle Umsatzwachstum von Q2 -> Q3 der letzten drei Jahre nimmt, landet man bei einem sequentiellen Wachstum von 22,6 % in den Q3s. Nimmt man die goldene Mitte meiner Range, wäre man bei 5,89 Mio USD an Salesumsatzen plus Grants = 6,39 Mio USD.

    Bin also optimistischer als Brian Marckx. Vertriebsmannschaft hat jetzt eine ordentliche Stärke. Der Chef aus Bad Oeyenhausen lässt sich hier und da einspannen. Die schweizer Unikliniken haben aktiv einen Procedure-Code gefordert. Läuft, hoffe und glaube ich. Skeptisch bin ich aber, ob man angesichts des für meine Begriffe stark wachsenden Personals dieses Jahr tatsächlich noch den operativen Break-Even erreicht, was mir aber relativ wichtig wäre, weil ich „meine“ CEOs gerne beim Wort nehme und mich auf solche Prognosen verlassen möchte.

    Viele Grüße und viel Erfolg mit deinem 20 % Harakiri. 🙂
    Garnix

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  4. Vielen Dank für deine ausführliche und fundierte Antwort – hätte von der Qualität her sogar ein eigener Blog-Eintrag werden können! Kaffeesatz? Vielleicht. Aber bei den Analysten ist das häufig ja auch nicht viel mehr. Ich hoffe einfach für uns, dass dein Kaffee von noch besserer Qualität ist als der von Brian Marckx 🙂

    Operativer Break-Even in diesem Jahr ist für mich keine heilige Kuh, eher nice to have. Insbesondere dann, wenn zwei Punkte erfüllt sind. Erstens: Das Ziel wird nur knapp und nicht um Längen verfehlt – dann hätte sich „unser“ CEO tatsächlich etwas weit aus dem Fenster gelehnt. Und zweitens: Die reinen Sales-Umsätze im H2 fallen mindestens so gut wie erwartet aus.

    Die Personalkosten für Vertrieb und Marketing spielen für mich bei einem Unternehmen wie CTSO in der aktuellen Phase keine so große Rolle. Sofern kein „Wasserkopf“ aufgebaut wird (was ich nicht glaube). Vielleicht bin ich da als Arbeitsrechtler/HR-Otto zu blauäugig, keine Ahnung. Diesen Posten kann man aber später immer noch wieder zurückfahren. Derzeit geht es für mich vor allem darum, Momentum bei den Sales zu gewinnen bzw. auf keinen Fall zu verlieren. Ausgeschrieben sind in den genannten Bereichen derzeit ein „Regional Sales Director Western Europe“, einen „Key Account Manager Cardiac Surgery DACH“ sowie ein „Marketing Manager Medical Affairs“. Passt für mich.

    Be excellent to each other!

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  5. Hi, DrKangaroo.

    Gerne. Unterschreibe dir alles, was du da so schreibst. Unsere Einschätzung und Erwartung ist quasi deckungsgleich. Bleibt die Frage, ob und wann man die Reißleine zieht, wenn die Erwartungen enttäuscht werden. Bin mit mir noch in Klausur, ob man hier schon bei einem „verunglückten“ Quartal die Segel streicht. Eher nicht. Muss man dann sehen, wie plausibel die Erklärung dazu wären.

    Viele Grüße
    Garnix

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