Luft anhalten

„The three most harmful addictions are heroin, carbohydrates, and a monthly salary.“ – Nassim Nicholas Taleb

Warum der doofe Trump für mich in einem Punkt halb Recht hat.

Wie die jüngste Vergangenheit ein weiteres Mal gezeigt hat, kann ich morgen um 9 Uhr zur Arbeit gehen und um 9.05 Uhr eine betriebsbedingte Entlassung kassieren. Alternativ versetzt man mich und nimmt mir den hart erkämpften Bonus weg.

Entscheidungen über mein berufliches Schicksal können in unter einer Minute und ohne jede Rücksprache mit mir erfolgen. Wertschätzung, Loyalität, Planbarkeit, Stabilität und Sicherheit sind meines Erachtens unabdingbare Faktoren, um langfristig eine anständige Leistung abzuliefern, ohne dabei einen Tinnitus, Schlaganfall, Herzinfarkt oder Krebs zu bekommen. Alles Wunschdenken. Noch vor ein paar Jahren hat man in meinem Umfeld, wenn man jemanden loswerden wollte, horrende Abfindungen gezahlt, die heute nur noch Illusion sind. Was bleibt, ist ein sich steigernder Kosten-, Effizienz- und Leistungsdruck, den ich selbst mitbefördert habe.

Wenn ich kann, automatisiere ich Prozesse bis zum Anschlag. Ich baue Standards, die der letzte Dumbo versteht. Als ich vor Jahren aus Versehen in einer Abteilung mit zwölf Kollegen gelandet bin, die phasenweise von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends durchgearbeitet haben, hatte ich nach drei Monaten aus der gesamten Abteilung EINEN Halbtagsjob gemacht. Nebenbei riefen Kunden an und wollten freiwillig Geld für das neue Servicelevel bezahlen. Als sich dann auch noch die Konkurrenz bei meinem Chef meldete und erklärte, dass sie uns schamlos kopieren werden, war mein Job erledigt. Die zwölf Kollegen konnten sich (intern) einen neuen Job suchen. Ich war nicht wirklich beliebt, was mir egal war, weil ich einfach einen ordentlichen Job machen wollte.

Das ist übrigens meine Vision für ein modernes und überlebensfähiges Unternehmen: man beschäftigt leistungswillige und -fähige Prozesspezialisten, Software-Entwickler und Vertriebler, die alle und jederzeit die Kunden im Blick haben und die man sehr gut bezahlt. Steigende Geschäftsvolumina werden durch kontinuierliche Verbesserungsmaßnahmen aufgefangen. Es findet kein Outsourcing statt. Die Arbeitskräfte werden da eingestellt und bezahlt, wo der Umsatz entsteht.

Schon wieder Wunschdenken. Die Realität heißt Outsourcing. Die wenig subtile oder differenzierte Botschaft für die alte Mannschaft lautet: ihr seid alle zu teuer. Man kauft die vermeintlich gleiche Leistung für 25 % der Kosten in europäischen Nachbarländern oder für 10 – 15 % der Kosten in Indien ein. Die Mitarbeiter vor Ort werden ausgehungert. Scheißegal, wo der Umsatz entsteht. Schön für die Inder, beschissen für die Kollegen, die den Kram aufgebaut haben.

Bisschen Exodus, bisschen Stellungskrieg, ein Burnout hier, ein Burnout da.

Meine Meinung dazu: leben und leben lassen. Einführung von Outsourcing-Quoten. Wenn ich als Firma überwiegend in Deutschland meine Umsätze mache, sollten auch mindestens 50,1 % der Beschäftigten in Deutschland angestellt sein. Dann freuen sich immer noch genug Inder, und die Mitarbeiter vor Ort bleiben am Ruder, weil sie näher am Kunden sind und es sich im Zweifel auch verdient haben.

Schon wieder Wunschdenken, fürchte ich.

Unterm Strich bleibt dann wohl leider nur noch eins: Luft anhalten.

4 Kommentare zu „Luft anhalten“

  1. Hi Ana, nein. Aber vor drei Wochen ist mein direkter Vorgesetzter nach 20 Jahren innerhalb eines Tages „verschwunden“. Der „Turn-Over“ ist gerade furchtbar hoch. Viele Grüße, Garnix

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  2. Netter Blog aber bitte mach mal das Meerbild oben Gerade, der Autist in mir dreht gerade frei bei so einem schiefen Horizont. Und viel Erfolg weiterhin 🙂

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