Normale Leute vs. Großmaul Nr. 1

Heute diskutiere ich mit mir die Frage, ob ich auch nur einen Euro sparen würde, wenn ich ein normales Gehalt hätte.

Meine Cousine, die in Berlin lebt, ein paar Magister mit Auszeichnung und weiß nicht wie viele Zusatzqualifikationen hat, ist 46 Jahre alt und verdient so was um die 1.300 Euro netto mit einer befristeten 36-Stunden-Stelle. Sie arbeitet im sozialen Bereich und bekommt seit zehn Jahren nur noch befristete Jobs. Die Berliner, sagt sie, haben überwiegend ein „Peter-Pan-Syndrom“. Man labert die ganze Zeit von irgendwelchen Projekten und Ideen, ist in Wahrheit aber meistens arbeits- und mittellos. Ich hatte zwei Jahre eine Freundin in Berlin, war oft da und kann das so unterschreiben. Ex-Freundin war Filmemacherin und hat einen ihrer Filme für 50 Euro vertonen lassen. Da hat sich jemand wochenlang kreativ verausgabt… für 50 Euro. Von außen betrachtet beuten sich da viele selbst und gegenseitig aus. Jeder wie er mag. Naja, in Wahrheit habe ich damals gelegentlich einen Schwung Berliner-Hartz4-Plus-Wohngeld-Bezieher aus dem Umfeld meiner Künstler-Freundin zum Essen eingeladen und mir heimlich ausgerechnet, dass ich das komplette Leben von rund fünf dieser Lebenskünstler alleine mit meiner Lohnsteuer finanziere. Grotesk. Wann immer ich in Berlin aus einer Lufthansa-Maschine geklettert bin, wähnte ich mich im Larifarinimmerland.

Dann gibt es da noch einen Kollegen: guter und fähiger Mann, Ende 50, drei Kinder, eine sehr kranke Frau, eine fast abbezahlte Wohnung, kleiner Mercedes-Tick, ansonsten sehr vernünftig und bescheiden. Sein Bruttogehalt entspricht etwa meinen Nettosparmöglichkeiten. Sein Geld bekamen und bekommen seine Kinder, die schon groß aber teilweise noch in der Ausbildung sind und in Beziehungen leben. Zum Geburtstag verschenkt er die teuersten iPhones. Alles für die Kinder. Am Wochenende kommen sie alle nach Hause – mit ihren Partnern. Er wirft dann den Grill an und lässt sich die Haare vom Kopf fressen.

Ich mag ihn sehr gerne und habe ihm gestern einen großen „Schmusie“ spendiert. Ananas mit Himberen und noch irgendwas. Er hat mich aufgezogen.

Kollege: „Du musst doch sparen!“

Garnix: „Stimmt! Gib den wieder her, den Schmusie!“

Kollege: „Neee. Soll ich dir was sagen?“

Er war gerade drei Wochen im Urlaub. Könnte der letzte Urlaub mit seiner Frau gewesen sein.

Garnix: „Auf jeden Fall.“

Kollege: „Ich habe im Urlaub von dir geträumt.“

Garnix: „Ich hoffe, deine Frau weiß nix davon.“

Kollege: „Du bist im Traum zu mir gekommen und hast mir gesagt, dass du Millionär geworden bist und dass du aufhörst zu arbeiten.“

Garnix: „Finde ich gut. Hing da irgendwo ein Kalender rum in deinem Traum?“

Kollege: „War so was wie September oder Oktober dieses Jahr.“

Er weiß von meinen Sparquoten und meinen Investments. Auch wenn er mir den Erfolg sehr gönnt, wünscht er sich doch, dass ich ihm auf der Arbeit noch lange erhalten bleibe. Kürzlich hat er sich eine A-Klasse gekauft – so für 23.000 Euro und voll finanziert. Seine Frau hat Flugangst, und er wollte mit ihr noch mal durch die Gegend kurven.

Aktien hält er wie meine Cousine für Betrug. Wenn ich von CTSO erzähle, spreche ich ins Nichts. Dachte ich jedenfalls.

Garnix: „Cool. Kommst du ohne mich klar?“

Kollege: „Warum auch immer, dass mit dem Blutfilter könnte klappen. Ich habe mit meiner Frau gesprochen und wir würden gerne so 5.000 Euro investieren – aber wir haben nix.“

Garnix: „Zu viele iPhones für die Kinder. Mein Vater sagt immer: spare in der Not, dann hast du Zeit.“

Kollege: „Scheiße.“

Garnix: „Nicht so schlimm. Wenn ich in der Gegend bin, fahre ich ein paar Mal an der Firma vorbei und hupe freundlich – extra für dich!“

Was will ich eigentlich sagen? Das Tempo, mit dem das hier bislang vorangeht, ist absolut asozial. Mir ist bewusst, wie lange andere an 100.000 Euro rumschrauben. Ich habe lange Jahre kacke verdient und nichts gespart – immer alles ausgegeben. Die Disziplin, die Kleinsparer an den Tag legen, hätte ich nie. Mein Konsumverhalten habe ich in Wahrheit erst in Frage gestellt, als ich die Möglichkeit sah, ernsthafte Summen in kurzer Zeit zu sparen.

Wer als Allein- und Normalverdiener und Familienernährer so einen Kollegen wie mich hat, ist bestraft. Wer einen Cousin hat, der in einem Jahr das 16fache Jahresgehalt als Networthgain einfährt, braucht starke Nerven und/oder eine größere Flasche Jägermeister. Wenigstens weiß die Cousine nix konkretes. Für Millisekunden hatte ich überlegt, ihr vorzuschlagen, 20 % von ihren 1.300 Euro zu sparen. Aber ich kann auch mal die große Fresse halten.

ps1_
Die Ex-Künstlerfreundin hält Frankfurt für den Kopf und Berlin für den Bauch von Deutschland. Gehört also alles schon irgendwie zusammen.

ps2_
Die CTSO-Zahlen kommen dieses Jahr schon am 02.08. – dann schauen wir mal, ob was dran ist, am Traum.

2 Kommentare zu „Normale Leute vs. Großmaul Nr. 1“

  1. 1. Das ist eben das Problem, welches viele Leute haben: sie verdienen so wenig, dass sie sich kaum etwas ansparen können. Da ist es als Großkonsument leicht mal etwas wegzulassen. Aber das Thema schreit doch förmlich nach einer Fortsetzung deines Lebenslauf! 😉 Ich denke es würde einige interessieren, wie du in die, durchaus glückliche, Lage gekommen bist so ein Großverdiener zu werden!

    2. Ich bin auch schon auf die CTSO-Zahlen gespannt. Besonders als „armer Student“.

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  2. Hi Julius,

    Lebenslauf: die ganze nackte Wahrheit muss noch ein bisschen warten. Soooo ein Großverdiener bin ich ja auch gar nicht. Als ich mit meinem Gehalt mal bei meinem Ex-Trauzeugen angeben wollte, meinte er nur: „Naja. ich glaube, die Chefsekretärin bei Goldman verdient mehr.“

    Meine Mutter dachte übrigens, ich werde allerhöchstens UPS-Fahrer und hat mich jahrelang gefragt, ob ich mich nicht schäme, keine abgeschlossene Ausbildung zu haben. Bei über 100 k€ Bruttogehalt hat sie dann langsam Ruhe gegeben und ist dazu übergegangen mir zu erzählen, wie viel Glück ich hatte.

    Alles eine Frage der Perspektive. 🙂

    Viele Grüße
    Garnix

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