Gehirnwäsche

In meinen Zwanzigern war es schlicht undenkbar, aus der Stadt wegzuziehen. Ich hatte die perfekte Stadtwohnung: Skylineblick, drei Zimmer, 80 m² – mitten im Stadtzentrum. Harte Gegend. Nachts fielen öfter mal Schüsse. Und der Höhepunkt: ich bin morgens auf dem Weg zum türkischen Gemüsehändler mal über eine Leiche gestiegen, ohne die Blutlache überhaupt wahrzunehmen. Unter den Fensterbänken am Altbau gegenüber versteckten Drogenhändler ihre Ware. War mir aber alles recht. Ich konnte überall mit meinem Stevens Cityflyer in fünf Minuten hinradeln. Und wenn irgendwer Angst haben musste, dann eher die anderen.

Zehn Jahre später hatte ich die Schnauze dann doch voll. In Wahrheit war die Gegend längst untragbar – insbesondere für meine jeweilige Freundin, die zu jeder Tages und Nachtzeit auf der Straße belästigt oder sogar in den Hausflur verfolgt wurde. Irgendwann reicht es mit Multikulti und „Brauchstdu?“ – insbesondere wenn man eine Familie gründen will und selber in einem Haus mit Garten aufgewachsen ist.

Seit 2005 lebe ich jetzt auf dem Land. Zwanzig Kilometer außerhalb. Häusschen mit Garten. Umzingelt von Rentnern, die hinter den Gardinen warten, bis irgendwo Unkraut wächst, das sie mit höchster Akribie rauszupfen können. Zwischendurch wird das Auto mit einem Staubwedel behandelt. Der Heckenschnitt ist Religionsersatz.

Vor vier Wochen habe ich in einem Anfall von Schwachsinn zum Gegenschlag ausgeholt und den Vorgarten in sechs Stunden auf Vordermann gebracht: die ganze Einfahrt und alle Wege mit dem Kärcher von Unkraut befreit und mit feinstem Quarzsand neu verfugt. Sah sehr gut aus. Für etwa 72 Stunden – trotz Unkrautvlies und allen Tricks. Vier Wochen später sieht alles schlimmer aus als vorher. Das Unkraut wuchert nur so (auf dem Unkrautvlies!). Die Natur ist viel stärker als Berufstätige. Vielleicht haben die Nachbarn mit ihren Briefen und Unterschriftensammlungen an mich doch recht: ich bin ein Fremdkörper.

Letzten Sonntag war ich mit meiner Tochter spazieren.

Garnix: „Wie findest du die Vorstellung, dass ich hier – sagen wir – bis zum 90. Geburtstag wohne? Also selbes Haus und so. Klingt das gemütlich oder gruselig?“

Tochter: „99 % gruselig, 1 % gemütlich. Wäre scheiß langweilig – für dich und irgendwie für mich auch. Halt seeeeehr statisch.“

Garnix: „Wann darf ich abhauen?“

Tochter: „In vier Jahren, wenn ich Abi habe?“

Garnix: „Wie oft muss man sich sehen, ohne dass es asozial wird bzw. dass es für dich passt?“

Tochter: „Weniger als drei oder viermal pro Jahr wäre schon doof.“

Garnix: „Und ich darf überall hin?“

Tochter: „Klar.“

Garnix: „Danke. Ich habe dich sehr lieb!“

Tochter: „Bekomme ich Freitickets?“

Garnix: „Unbedingt.“

Tochter: „Die Welt ist ganz schön schön und ganz schön groß. Wäre doof, wenn man sich nicht ein bisschen davon anguckt.“

So wie es aussieht, hat sie mit 17 ihr Abi. Vielleicht kann ich sie noch ein Jahr runterhandeln.

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