Niveau-Nazi und Testamentsvollstrecker

Der von mir ins Leben gerufene Nebenjob meiner Tochter läuft ordentlich an: zehn Euro bin ich schon los. „Bartleby“ von Melville und „Sophia, der Tod und ich“ von Thees Uhlmann sind gelesen, besprochen und liegen hinter uns. Drei neue Vorschläge sind gemacht: 1. Die Leiden des jungen Werther (Goethe), 2. Ich greife den Wind (Erdmann) oder 3. Mohamed – Eine Abrechung (Abdel-Samad) – ich denke mir gar nichts weiter bei den Büchervorschlägen, außer dass ich hinterher gerne mit ihr über eins der Bücher sprechen würde.

Ich hatte mal ein Coaching bei so einer Super-Coaching-Tante, die vor langer Zeit angeblich Steve Jobs gecoached hat. Wenn das stimmt, was die Tante erzählt hat, dann hat Jobs seinen engsten Führungsstab gezwungen, jede Woche ein Buch seiner Wahl zu lesen, um es dann gemeinsam zu besprechen.

Die Tante war speziell. Mein Arbeitgeber hatte mich für ein Führungskräftedingsda mit ein paar anderen Ottos zu ihr geschickt. Am Ende des Coachings bekamen jeder von uns ein Feedback – ultradirekt, bisschen brutal und in gebrochenem Deutsch. Einem Kollegen hat sie professionelle psychologische Hilfe empfohlen. Einer anderen Kollegin hat sie quasi ein Sabbatical nahegelegt. War lustig – alle sind ganz schön zusammengezuckt. Mich fand sie ziemlich gut: „Isch spüre, du ‚ast ein gutes Team aufgebaut, äh, ich denke, du bist der ‚äuptling der Wölfe!“

Das fand ich dann wiederum ganz gut und habe zehn Sekunden überlegt, mir das auf die Visitenkarte drucken zu lassen: Garnix – ‚äuptling der Wölfe. Naja. Glaube, die hat selber einen guten Psychologen gebraucht – wie wir alle.

Letztes Wochende habe ich meine Tochter und den Hund meiner Eltern geschnappt, um mich irgendwo im Wald in einer Jagdhütte zu verstecken. Wenn das Wetter mitspielt, schleife ich abends eine Matratze vor die Hütte, mache ein Feuer, und wir liegen da zu dritt faul rum, gucken in den Himmel und labern.

Garnix: „Wer gibt dir Impulse, neue Perspektiven und Richtungen?“

Tochter: „Äh. Niemand, glaube ich.“

Sie hat enge Freundinnen – aber so mit brennenden Büschen ist es eher dünn. Anwesende, das gebietet die angeborene, große und natürliche Bescheidenheit, sind – natürlich – ausgenommen.

Garnix: „Schlimm?“

Tochter: „Nee. Passt schon – wir haben viel Spaß.“

Garnix: „Angenommen ich habe fünf enge Freunde, denen ich seit Jahren gute und wichtige Impulse liefere – aber nie welche zurückbekomme, was würdest du mir raten?“

Tochter: „Ist das denn ein Problem?“

Garnix: „Fühlt sich gerade so an – riecht so nach Zeitverschwendung.“

Tochter: „Was willst du machen?“

Garnix: „Weiß ich nicht.“

Tochter: „Müssen die denn unbedingt Impulse liefern?“

Garnix: „Fände ich gut.“

Tochter: „Loswerden wäre vermutlich falsch – vielleicht mal eine Pause machen?“

Garnix: „Ja, vielleicht.“

Naja. Wir haben auch bessere Themen als mein komisches Niveau-Nazitum.

Derweil hat mich meine Freundin gefragt, ob sie mich im Falle ihres Todes als Testamentsvollstrecker einsetzen kann. Es gibt ein Depot, das verwaltet und an vier Kinder verteilt werden soll, sobald das jüngste Kind 21 Jahre alt ist.

Nachdem ich vier Spaghetti-Eis für meine Dienste ausgehandelt hatte, habe ich zugesagt. Tatsächlich hat sie mir ein paar passable Denkanstöße in den letzten drei Jahren geliefert. Ich fürchte, ganz eventuell habe ich eine Menge von „meinen Frauen“ gelernt. Wird wohl Zeit für die nächsten Teile meines CV.

Ein Gedanke zu „Niveau-Nazi und Testamentsvollstrecker“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s