Vision: schön bekloppt

Der größte Wohnmobilhersteller überhaupt heißt Hymer. Hymer baut und vertreibt nicht nur Hymer, sondern auch Wohnmobile unter anderem Namen. Wenn Hymer in einem Vergleich die Volkswagengruppe ist, dann sind die „Hymers“ so was wie der Audi. Der von mir geliehene „Carado“ ist dann in etwa ein Skoda. Will sagen: ziemlich gutes Preis-Leistungsverhältnis.

Vorüberlegungen.

1) Eine einzelne Person braucht keine 150 m² Wohnraum und 500 m² Grundstück. Schon gar nicht, wenn er so faul ist wie ich. Faul meint: sehr berufstätig und abends fertig mit der Welt.

2) Minimalismus ist gut. Ich brauche kein Haus. Und wenn ich das Ding verkaufe, kann ich das Depot abzüglich Anschaffungskosten für ein Wohnmobil (ordentlich ausgestattet 50 – 60k€) easy über 500k€ wuchten.

3) Ich bekomme bei jeder Gelegenheit Herpes – will ich wirklich im und ins Auto kacken?

4) Seit die Telekom eine halbwegs erschwingliche LTE Superflat mit 300 Mbit anbietet, könnte man auch am Feldrand überleben – also so informations- und netflixtechnisch.

5) Sicher eine Schnappsidee… aber testen kann man ja mal.

6) Ich brauche auf jeden Fall ein gemütliches Bett!

7) Ohne einen auch nur zu kennen: ich finde Campingplätze doof und will da nicht hin.

Vision.

Ich bin finanziell frei und besitze neben dem Wohnmobil und zwei Lafuma-Liegestühlen genau zwei Wäschekörbe mit folgendem Inhalt. Waschkorb1: Kochutensilien. Waschkorb2: Wäsche und zischendrin Notebook und Handy nebst Netzteilen und Ladekabeln. Ein paar Mios im Depot, 100k€ Cash, um niemals Aktien in doofen Momenten verkaufen zu müssen – und dann im Wohnmobil erstmal ALLE Küsten in Europa abklappern.

Test.

Gemeinsam mit der Tochter (wird in drei Wochen 13) schauen wir uns zehn Wohnmobile an. Wir entscheiden uns für einen 7,50 m langen Carado T449 und mieten das Ding freitags bis dienstags über Pfingsten. Mietkosten so was um die 650 Euro. Die Einweisung ist gründlich und dauert fast zwei Stunden – auch weil ich hundert Fragen stelle. Nach der Einweisung und Schlüsselübergabe sind wir endlich alleine in unserem mobilen Heim. Freiheits- und Glücksgefühle machen sich breit. Erste Amtshandlung: die eigene Bettwäsche wird an Bord geholt. Der anschließende Sprung ins Queensize-Bett macht aus der Hoffnung eine Realität: das Bett ist saugemütlich – auch zu zweit. Ablagen links und rechts neben dem Bett sind perfekt positioniert. Sehr wichtig, dass man Handy und Notebook im komfortablen Griffbereich hat!

Das Bad ist der Kracher – dank Trick 17: die Klotür hat eine Doppelfunktion. Sie ist nicht nur Klotür, sondern kann auch den Bad- und Schlafbereich vom Rest des Wohnmobils abtrennen. Toilette und Dusche sind somit kein Problem für Hobbyklaustrophobiker wie mich. Am Bett angebracht ist auch die Heizungssteuerung für Warmwasser und die Heizung. Es gibt einen Boiler und damit die Möglichkeit, Wasser richtig heiß zu machen (60 Grad) – reicht sogar für Verbrühungen unter der Dusche. Kleiderschränke und Stauräume sind überall reichlich vorhanden. Weit mehr als wir brauchen.

Die Küche bietet einen riesigen 167 Liter Kühlschrank nebst Gefrierfach mit 29 Litern. Reicht locker für fünf Tage gekühlten Proviant. Der Kühlschrank wird automatisch per Strom oder Gas gekühlt und wird ordentlich kalt, wenn man das will. Der Gasherd gegenüber bietet drei Kochstellen. Nebenan eine kleine Spüle und überall Schubladen und (Hoch-)Schränke. Im Anschluss eine Sitz-/Essgruppe mit verstellbarem Tisch. Für zwei Personen supergemütlich.

Das Fahrzeug selber: Fiat Ducato, Diesel, 150 PS, Verbrauch so bei 11 Litern, Wandlerautomatik, bequeme Fahrer-/Beifahrersitze mit Armlehnen rundherum. Rückfahrkamera, Bluetooth, Klimaanlage und so was auch. Eine angenehme Autobahn-Reisegeschwindigkeit liegt bei 120 – 130 km/h. Darüber wird er ein bisschen windempfindlich.

Außerdem gibt es eine „Garage“ mit ordentlich Platz für so was wie Liegestühle, Klapptisch und die leeren Wäschekörbe. Fahrradträger und eine Markise haben wir auch.

Die Abmessungen (knapp 7,50 m) brauchen ein bisschen Übung aber so am zweiten, dritten Tag bin ich ohne jede Bauchschmerzen in quasi jede Straße in jedem Kaff gefahren. Passt schon. Wenn man auf der Suche nach einem geheimen See illegal in irgendeinem Naturschutzgebiet rumkurvt, kann es schon vorkommen, dass man sich nur noch per Rückwärtsgang befreien kann und ein paar Kilometer rückwärts fahren muss – drehen klappt nicht immer. Aber was soll’s. Ein bisschen Geduld und Spucke, dann passt das auch.

Test-Ablauf. Erster Tag.

Erstmal zu Aldi. Poviant bunkern. Danach zu meinen Eltern, die neugierig waren und potentiell die einzigen Menschen sind, mit denen ich mir so ein Ding teilen würde – vor allem weil sie es nie benutzen würden. Beide waren angetan und positiv überrascht. Erste Nacht dann mit Tochter und Lagerfeuer im väterlichen Wald. Schön in den Liegestühlen und 1-a-Sterneblick. Rumgealbert und gelabert, bis wir müde waren.

Zweiter Tag.

Am nächsten Morgen dann die Frage wohin? Egal. Einfach mal los. Letztlich dann Richtung Osten. Es heißt ja immer, dass die Ossis den Osten alle verlassen haben. Mehr Platz für uns! Irgendwo in Thüringen werden wir hungrig – wir sind „Bruncher“ und „Abendesser“ – Zeit für ein ausgedehntes Brunch. So mit veganen Frikadellen, Bockwürsten, Zwergenwiese. Passt! Anschließendes Internetsurfen im Liegestuhl geht auch sehr gut. Erster Härtetest nach einem Nickerchen: mal die Dusche ausprobieren. Klappt aber auch – inklusive Haare waschen. Irgendwann macht sich Langeweile breit. Wir fahren nach Gotha und parken dort auf einem Supermarktplatz fußläufig zur Altstadt. Noch mal kurz ins Bett werfen, am Handy rumspielen und Kräfte tanken, bevor es losgeht. Gotha ist nicht schlecht. Toller Park, tolle Häuser und tolle Altstadt. Auf einem Marktplatz essen wir Pizza und Pasta. Wohin als nächstes? Klarer Fall: Weimar! Wenn Herder, Schiller und Goethe da länger abhängen wollten, probieren wir das auch mal.

Dritter Tag.

Ich hatte das Wohnmobil am Vorabend wieder im Zentrum geparkt – einfach auf einem Seitenstreifen mitten in Weimar. Gegen 9.30 Uhr wecke ich die Tochter, die sonst bis 14 Uhr pennt. Wir dackeln los, um mindestens 10.000 Schritte zu machen und Brötchen für unser Brunch zu besorgen. Zwischendurch schauen wir bei Schiller und Goethe vorbei. Weimar ist ein absoluter Traum. Super schöne Stadt – hätte ich nie gedacht. Und die Leute sind tiefenentspannt. Bin begeistert.

Nach dem Ausflug ist vor dem Ausflug. Richtung: KZ Buchenwald. Vorher irgendwo auf dem Feld wieder „brunchen“. Das KZ – insbesondere das Krematorium mit Keller und Leichenaufzug – macht uns sprachlos. Tochter befindet, dass sich das jeder mal ansehen muss und hat damit sicher recht. Nach drei Stunden können wir nicht mehr und wollen weg… der Nase nach.

„Sömmerda“ klingt gut. Unterwegs haben wir Lust auf ein Freibad – irgendwo auf dem Land. Grandios: Badehose und Bikini werden bequem im mobilen Heim angezogen. Man schlendert dann mit Handtuch gerade mal 30 m bis zum Schwimmbecken, hüpft ins Wasser, planscht ein bisschen rum und geht dann wieder zurück – ohne sich mit den nassen Sachen irgendwo auf die Wiese legen zu müssen. Bisschen wie ein privater Pool und sehr genial. Weiter geht’s.

Wir finden einen verlassenen Feldweg und parken versteckt an einem Weizenfeld. Markise und Liegestühle sind nach zwei Minuten in Position. Ich koche irgendwas ziemlich gutes – so gut, dass sich danach ein Spaziergang aufdrängt. Gegen 23 Uhr sitzen wir wieder in den Liegestühlen (mit Bettdecke!) und zählen insgesamt DREI Sternschnuppen! Nicht so schlecht, das Leben als Wohnmobilist.

Tochter: „Ich will nicht nach Hause.“
Garnix: „Scheiße, frag mich mal. Ich hatte keine Ahnung, dass das so gut klappt. Nichtmal die Toilette riecht oder nervt. “
Tochter: „Kaufst du so ein Ding?“
Garnix: „Bis ich finanziell frei bin, macht Mieten mehr Sinn. Aber dann schon…“
Tochter: „Genau so ein Ding?“
Garnix: „Glaube ja.“
Tochter: „Das Bett ist so was von gemütlich!“

Vierter Tag.

Erfurt, Krämerbrücke und so weiter. Sehr schön alles… aber wir sind genervt davon, abends nach Hause fahren zu müssen. Ferien sind um. Gegen 18 Uhr liefere ich die Tochter bei ihrer Mutter ab und fahre mit dem T449 zu meinem Haus. Ich brauche ein paar Klamotten für die Arbeit am nächsten Morgen und habe die Wahl, wo ich schlafe: im 4.000 Euro Joop-Bett mit Supermatratze oder im T449 – vielleicht irgendwo im Feld. Die Entscheidung fällt leicht. Ab ins Feld. Noch mal Sterne durch das Dachfenster checken, bisschen Netflix und einpennen.

Fazit.

Meine Freundin hat ein Spaghettieis gewettet, dass ich keine Nacht im Wohnmobil penne, weil das gar nicht zu mir passt und ich mir eh ein Hotelzimmer nehme (alter Komforthansi, denkt sie). Sie hat haushoch verloren. Am fünften Tag war ich schon verliebt in den T449. In den paar Tagen hatten wir eine geniale Zeit. Das Ding zurückzugeben, um danach auf die Arbeit zu fahren, hat weh getan.

3 Kommentare zu „Vision: schön bekloppt“

  1. Hammer Geschichte.

    Beeindruckend wie sich dein Fokus von „alles Luxus“ nach so viel Bescheidenheit geshiftet hat. Toll dass dein Blog wieder öffentlich verfügbar ist 🙂

    Wohnmobil wäre mir aktuell zu klein (aber ich bin ja auch noch jung und wohne in ner Studentenbude :D), aber klingt nach einem mega geilen Trip.

    Gruß,
    Michael

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  2. Coole Sache und konsequent durchgezogen. Übrigens wirklich eine schöne Gegend in der du warst. Als Thüringer darf ich das natürlich sagen 😀
    Tatsächlich erdet so ein kurzer Ausflug manchmal mehr, als ein All-inclusive Urlaub am Strand. Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht. Ein Wohnwagen oder Wohnmobil Trip steht bei mir auch noch an, hoffentlich mit ähnlichem Ergebnis.
    Dein Schreibstil passt und sorgt für allerlei Kurzweil. Behalte das bei.
    Grüße

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