Garnixoderguru

Aus unerfindlichen Gründen hatte ich Respekt vorm Gymnasium. Zwei Kinder aus meiner Grundschule bekamen in der vierten Klasse eine Gymnasialempfehlung. Ich war eines davon. Unter meinen Zeugnissen stand immer so was wie: „seine Beiträge und Leistungen liegen weit über dem Niveau der Klasse.“ Ganz schlimm war ich im „Eckenrechnen“.

Wir hatten über Jahre die selbe Mathelehrerin, die einen Kopfrechnenfetisch hatte und die zu Beginn jeder Stunde jeweils ein Kind in jede Ecke des Klassenraums stellte. Danach bekamen diese Kinder eine Rechenaufgabe gestellt. Der Kollege, der am schnellsten und auch noch richtig antwortete, durfte eine Ecke im Uhrzeigersinn weitergehen. Das Kind, das in dieser Ecke stand, musste sich hinsetzen. Die frei gewordene Ecke wurde mit einem neuen Kind besetzt. Das ganze dauert so lange, bis nur noch ein Kind übrig war: der Eckenrechnerkönig.

Ich glaube, wir haben den Kram mindestens zwei Jahre gemacht. In diesen zwei Jahren gab es nur einen Gewinner und der ganze Spuk hat auch nie mehr als fünf Minuten gedauert. Sobald ich im Spiel war, war das Spiel für die anderen aus. Mathe war mein Ding. Wann immer ich ein neues Mathebuch bekam, arbeitete ich alles in ein paar Stunden und in einem Rutsch durch.

Auf Elternabenden war ich regelmäßig Thema und meine Eltern, die mit Schule weiter nichts am Hut hatten, fanden die Lobeshymnen auf ihren Sohn eher peinlich. Meine Klassenlehrerin nahm sie irgendwann zur Seite und sagte ihnen, dass sie mich ruhig hin und wieder zu Hause lassen könnten, wenn ich irgendwas anderes vorhätte. Wäre kein Problem, ich wäre meiner Zeit weit voraus.

Gymnasium war dann nicht weiter schlimm. In der siebten Klasse bestand mein Zeugnis nur aus Einsen. Ich hatte einen Konkurrenten, der aus einem reinrassigen Akademikerhaushalt mit Unidozenten stammte. Immer wenn es Zeugnisse gab, kam er zum Vergleichen zu mir. Meistens zog er mit hängenden Schultern ab. Hat für ihn aber trotzdem zu einer Professur an der Humboldt-Uni in Berlin gereicht.

Meine Lateinlehrerin entschuldigte sich einmal pro Woche vor der Klasse für die Klasse bei mir: „tut mir leid, dass wir hier deine Zeit derart verschwenden.“ Irgendwann nahm sie mich beiseite und fragte, ob ich nicht lieber die Klasse überspringen will. Wollte ich aber nicht. So langsam wurde mir das dann auch peinlich. Ich entschied mich, öfters mal zu Hause zu bleiben.

Aus „öfters“ wurden dann schnell 60 bis 70 % Fehlquote in den jeweils ersten Halbjahren und 40 – 60 % in den Versetzungshalbjahren. Zweimal im Jahr klaute ich das Klassenbuch, der einzige Nachweis meiner Fehlzeiten. Klappte ganz gut. Einmal musste ich mich am Telefon als mein eigener Vater ausgeben und meinem Lehrer telefonisch erklären, dass ich gesundheitliche Probleme hätte.

Die Noten gingen in den Keller und ich musste hier und da auch blaue Briefe, die per Einschreiben verschickt wurden, bei der örtlichen Post abholen. Das waren die paar Momente in meinem Leben, in denen ich es ganz gut fand, mir den Vornamen mit meinem Vater zu teilen.

Mathe hatte ich mal so arg geschwänzt, dass ich mündlich und schriftlich auf 0 Punkten stand (keine Arbeit mitgeschrieben). Ich wusste quasi nix vom Stoff und handelte einen Nachschreibetermin für eine Klausur aus, bei der ich dann 15 Punkte schrieb. Machte eine Gesamtnote von 5 Punkten. So in der Art ging das.

Zwischen den Lehrern und mir entstand eine gewisse Spannung. Meine Tutorin wollte mich zur Strecke bringen. Ich bekam einen etwas schrägen Ruf.

Irgendwann in der zwölften Klasse im Bio-Unterricht bei Herrn Adelhoch dösten wir alle in der hereinscheinenden Vormittagssonne herum. Adelhoch kam aus der Pfalz. Ein rustikaler Weinbauer und großer und etwas feister Judoka mit glänzendem Gesicht, den ich seit der siebten Klasse kannte. Irgendwer wollte ihn auf einer Klassenfahrt mal mit einem Hakenkreuz auf der Unterhose gesehen haben. Keine Ahnung. Jedenfalls war ihm auch langweilig, und wir saßen alle nur so rum in unserer U-Sitzform. Adelhoch blickte nach links und fixierte eine Mitschülerin.

Adelhoch: „Kassiererin.“

Die Mitschülerin verstand nicht. Adelhoch blickte einen Platz weiter.

Adelhoch: „Briefträger.“

Den Leuten dämmerte immer noch nicht, was hier vor sich ging. Nächster Platz.

Adelhoch: „Arbeitslos.“

Nächster.

Adelhoch: „Sekretärin.“

Nächster.

Adelhoch: „Sachbearbeiter.“

Hier etwa dämmerte den Beteiligten, dass uns Adelhoch unsere berufliche Zukunft prognostizierte. Er war wenig schmeichelhaft.

Adelhoch: „Fußpflegerin. Bestattungsunternehmer. Arbeitslos. Vesicherungskaufmann.“

Als ich in an der Reihe war, lächelte er kurz, sagte aber nichts und machte mit meinen Sitznachbarn weiter: „Hausmeister. Wurstverkäuferin…“

Die Kollegen waren nicht begeistert. Adelhoch war verbeamtet, hatte nichts zu verlieren und sagte, was er dachte. Als die Show vorbei war, lächelte das Orakel aus der Pfalz mit der Spezialunterwäsche zufrieden.

Ich meldete mich: „Herr Adelhoch, was wird denn aus mir?“

Adelhoch: „Die letzten Jahre hast du dich ganz gut gemacht. Ich würde mal sagen: gar nichts oder Guru.“ [sic]

So war das damals vor fünftausend Jahren.

Übrigens ist in meinem 48-Euro-Wordpress-Upgrade auch eine Domain inkludiert. Falls sich wer wundert: Raider heißt jetzt Twix. Und freiheit52.wordpress.com heißt jetzt auch garnixoderguru.com.

10 Kommentare zu „Garnixoderguru“

  1. Vielen Dank, Gurki, freut mich. Ich hatte damals übrigens Schiss, die geklauten Klassenbücher einfach wegzuwerfen. Irgendwann, nachdem ich lange aus der Schule war, verkauften meine Eltern mein Elternhaus und fanden die ganzen Klassenbücher auf dem Dachboden. Meine Mutter sagte dann sowas wie: „Ich wusste es! Von wegen die ersten beiden Stunden fallen aus! Wenn man das liest, warst du quasi nie in der Schule. Ich habe deinem Vater immer gesagt, dass du mit allen Wassern gewaschen bist!“ Zu der Zeit war ich schon knapp 30. Vielleicht stelle ich euch mal vor. 🙂

    Gefällt mir

  2. Ich liebe die Stories aus deinem Leben einfach am Meisten. Kann man ja als Teil 3 deines CVs sehen 🙂
    Wenn wir schon beim Thema sind: Die Fortsetzung von „Sex“ fehlt noch … 😉

    Zur Story: coole Story. Wie Gurki das sieht, klingt schon zu krass um wahr zu sein (obwohl du bescheiden schreibst :P), aber macht einfach Spaß zu lesen und du hast ja keinen Grund uns anzulügen.
    Ich freu mich auf weitere Stories!

    Michael

    PS: Deine Empfehlung „Deal“ von Jack Nasher lese ich gerade und die Empfehlung war fantastisch! Wenn du also mehr gute Literaturtipps hast… 😉

    Gefällt mir

  3. Hah wie cool 😀
    Ich war ganze 3 Jahre gar nicht in der Schule (5-7 Klasse) in der 8. Klasse hat der Berufsberater mich bei einem „Beartungsgespräch“ so heftig beleidigt, der wollte mir eine ABM andrehen, dass ich mir gesagt hatte den Zeige ich es.
    #9.Klasse11einsen 😀 Sonst hatte ich nur 2 dreien in Deutsch und Sport… 😀

    Du schreibst du hast 14 Semester Studiert (Jura?). Aber einen Job in dem du viel Fliegen musst und in dem du viel (110k pro Jahr sind in DE viel :D) verdienst. Auch scheinst du sehr gut mit Menschen umgehen zu können. Deinen Beruflichen werdegang musst du unbedingt mal schildern 😀

    Gruß,
    Pascal

    Gefällt mir

  4. Hallo, Pascal. Im Prinzip war es bei mir so wie bei dir in der 9. Klasse. Sobald man sich in irgendwas reinhängt, klappt vieles auch. Mein beruflicher Werdegang ist aus meiner Sicht gar nicht so spannend. Sind auch nicht 110 k€ netto, sondern eher so 85 k€ – die Hochrechnung ist verfälscht, weil im ersten Halbjahr der Bonus dabei ist (komme trotzdem auf 100 k€ wegen ein paar Nebenjobs). Beruflicher Werdegang kommt irgendwann noch.

    Viele Grüße
    Garnix

    Gefällt mir

  5. Haha, das war bei mir ähnlich in der Schule. Bis zur 7. Klasse fast nur Einsen. Eckenrechnen-König in der Grundschule war ich auch immer. Ab Klasse 8 dann Talfahrt, in der Oberstufe regelmäßig 100+ Fehlstunden pro Halbjahr und in der 12/2 in Mathe gerade so einen Gnadenpunkt bekommen. Aber habe es ohne Hockenbleiben geschafft! Später habe ich dann noch die Kurve gekriegt und meine Ausbildung mit 1,2 abgeschlossen. 🙂 Bringt mir heute aber auch nicht wirklich was…

    Naja, in weniger als 10 Jahren werde ich höchstwahrscheinlich FI sein.
    Vielleicht ja noch vor dem Vierzigsten. Teilzeit 50% ginge jetzt schon klar.

    Vielen Dank für deine coolen Texte, wünsche dir weiterhin alles Gute beim Erreichen deiner Ziele!

    LG
    Benjamin

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s