Mein bester Freund

ist ein Geldchaot. Und bis vor anderthalb Jahren hat uns das Geldchaotentum verbunden. Ich stand ihm in nichts nach. Wir haben sogar mal überlegt, zusammen zu ziehen. So eine kleine Edel-WG zu zweit oder dritt. Jeder hat sein Zimmer und idealerweise auch sein eigenes Badezimmer. Wir hatten sogar schon einen Koch ausgemacht, den wir einstellen wollten. Genialer Typ, der unterirdisch verdient und so lecker kocht! Für’s gemeinsame Wohnzimmer hatten wir an die Installation einer Stripteasestange gedacht. Quasi als Assessment-Center für Entspannungstherapeutinnen. Später,  im Alter, hätten wir uns die Krankenschwestern geteilt und so weiter.

Zu unserer Entschuldigung muss man sagen, wir hatten immer leicht einen sitzen. Außerdem viel Streß. Er hat Prokura und die Verantwortung für 45 Leute. Und ich muss auch ziemlich rumrödeln und behaupte nachwievor, dass einem niemand das ganze Geld schenkt. Es schien mir daher legitim, hier und da Fluchten einzubauen. Und die Abende und Nächte, in denen wir nebeneinander im Großstadtdschungel irgendwo im Bademantel und halb besoffen rumlagen und dummes Zeug redeten, habe ich geliebt. Es gab wenige Momente in meinem Leben, in denen ich glücklicher war. Unser Code-Wort für unsere gemeinsamen Streifzüge lautete: Klassenfahrt.

Naja. Und dann habe ich alles kaputt gemacht. Ich hatte den wahnwitzigen Plan, nicht mehr auf Pump zu leben. Der Gedanke, irgendwann schuldenfrei zu sein, ruinierte alles. Keine kostspieligen Streifzüge durch die Nacht und viiiiiel weniger Handynummern von Unterschwäsche-Models und Playmates. Ich hörte sogar mit der Sauferei auf, bestellte fortan Wasser und Bitter-Lemon.

Mein Freund guckte mich immer trauriger und mitleidiger an. Manchmal zückte ich mein Handy und hielt ihm meine Banking-App unter die Nase – zum Beispiel, wenn das Depot gerade einen Tagesgewinn von 10.000 Euro auswies.

Ein paar Mal loderte die Hoffnung in ihm auf, und er rief: „Klassenfahrt! Laß uns die 10.000 Euro auf den Kopf hauen. Genau jetzt!“

Mein Kopfschütteln hat ihn jedes Mal neu und tief getroffen.

„Keine Klassenfahrten mehr, bester Freund. Wir sparen jetzt, hier und heute. Und so viel wie möglich. Und wenn alles gut geht, setzen wir uns in sieben Jahren zur Ruhe!“ sagte ich.

Ich setzte ihn in meinen Zero-G-Massagesessel und führte ihm die tollsten quantitativen Strategien vor. Alles ohne Erfolg. Er glaubt nicht an die Zukunft und kaum an das Jetzt. Höchstens an einen leistungsgesteigerten und nagelneuen Audi R8.

Ich würde ihn gerne auf meine Reise mitnehmen. Schon weil ich ihn sehr lieb habe und auch in Zukunft jemanden brauche, mit dem ich Quatsch reden und Zeit verbringen kann. Nur weiß ich nicht, wie.

2 Kommentare zu „Mein bester Freund“

  1. Dein Freund scheint „cool“ drauf zu sein.
    Vielleicht schenkst Du ihm das Buch:
    Help, I need somebody (Walter Heidenreich)
    Irgendwie aehnlicher Abriss/Parallelen zu Walter …?
    Warum bei GELD, SEX & DRUGS & ROCK’N’ROLL aufhoeren?
    Es geht noch weiter … 😉

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