Und warum macht das dann nicht jeder?

Hundertmal gehört: „Wenn dem so wäre, warum macht das dann nicht jeder?“

Wenn ich einem Freund ein Investment Case mit einem Kurspotential von 50+ Prozent vorstelle, bekomme ich immer den gleichen skeptischen Blick, der mir sagen soll: „was laberst du denn da, es gibt keine Outperformance, wenn du recht hättest, wüssten das ja irgendwie alle und sowieso hat der Markt immer Recht. Außerdem klappt Stockpicking eh nicht, du bist ein Schwätzer und vielleicht willst du mir gleich noch ein Ponzi-Scheme andrehen, du Schwein. Und dann gibt es auch noch Nordkorea. Und wenn deine Erwartungen wirklich eintreten, dann hast du eh nur Glück gehabt!“

Wir alle werden zugeschüttet mit Meinungen, Nachrichten, Studien, Videos und sonstigem Tüdelfitz. Wenn man nicht filtert und auf Durchzug schaltet, wäre man in kürzester Zeit handlungs- und bewegungsunfähig.

Filter sind quasi lebensnotwendig. Und so ein bisschen Konsenswissen a la Wikipedia tut not, um sich nicht völlig alleine auf hoher See zu wähnen. Ich würde auch sagen, dass Konsenswissen ausreicht, um gut über die Runden zu kommen.

Im Wertpapierkontext ist der aktuelle Konsens, meine ich zumindest, dass Index-Sparen mit ETFs das Nonplusultra bzw. die perfekte Synthese aus Handhabbarkeit, Sicherheit und Performance ist. Kann man machen. Nix dagegen zu sagen.

Ich kann das aber nicht. Wann immer ich mich in irgendeiner Schlange von Besitzstandswahrern einreihe, werde ich kreuzunglücklich. Ich will Sachen immer auf die Spitze treiben. Oder Sachverhalte umdrehen. Wenn Kollegen sagen, das geht nicht, ging noch nie, kann man nicht machen, meldet sich meine Hybris und sagt: „jaja, von wegen, ihr Langweiler.“

Das macht mich nicht besser oder schlechter. Das ist einfach eine Frage des Charakters. Wie bereit ist man, Sachverhalte in Frage zu stellen, Ideen zu- und sich auf Veränderungen einzulassen?

Berater in Sachen Lean und Change Management kommen dann mit nachfolgendem Bild um die Ecke:

Change

In jedem System, in jeder Organisation gibt es eine quasi natürliche Verteilung an

  • Innovators
  • early Adopters
  • early Majority
  • late Majority
  • late Mass (Resistors)

Das ist erstmal gut und gesund. Die „late Mass“ bzw. die Resistoren haben sowas wie eine Korrektivfunktion, die erstmal sehen wollen, dass „es“ klappt und das gerne auch erst mal mindestens fünf oder am besten gleich fünfhundert Jahre.

Jedenfalls behaupte ich das immer, dass das gut und gesund ist. In Wahrheit will ich nix mehr mit Resistoren zu tun haben. In den meisten Fällen halte ich sie nämlich nur für dumm und faul. Dumm im Sinne von nicht interessiert, verbohrt und vernagelt für neues Wissen, neue Ideen. Und faul im Sinne von unfähig, sich auch nur eine halbe Stunde geistig zu bewegen und irgendwelche Studien zu lesen.

Mit meinem elenden Sendungsbewusstsein kloppe ich auf die armen Schweine dann ein: „fang endlich an zu lesen, du faules Stück! Beweg dich. Stillstand ist scheiße!“

Da sind Betriebswirte und Anwälte dabei, denen ich mundgerecht krasse Studien anbiete. Kondensiertes Wissen aus tausenden Stunden Lektüre. Völlig fürn Arsch.

Letzte Woche habe ich einen Kollegen und Freund quasi an einen Stuhl gebunden und ihm einen Text, den ich ihm Wochen vorher geschickt hatte, vorgelesen. Anders ging es nicht. Die Reaktion danach:

Kollege: „Krass, wenn das stimmt, verändert das mein Leben! Warum sagst du mir das denn nicht?“

Garnix: „Fick dich, du faules Schwein. Ich habe dich FÜNFMAL gebeten, die Scheiße selber zu lesen! Fang verdammt noch mal an zu lesen.“

Im großen und ganzen ist das mein „Real-Life“. Ich bin umgeben von Leuten, die nix lesen, die mir keine Impulse geben und mir mit ihrer schonungslos offen vorgetragenen Ignoranz auf den Sack gehen.

„Warum macht das dann nicht jeder?“

Weil die absolute Mehrheit schweinefaul, träge, satt und dämlich ist.

Schlümm!

7 Kommentare zu „Und warum macht das dann nicht jeder?“

  1. Danke.
    Xtraschlimm sind Resistoren im engen persönlichen Umfeld.
    Nach dem Motto: „An diesen, meinen Vorurteilen habe ich ein Leben lang gefeilt und geschliffen, da brauch ich jetzt echt keine anderslautenden Fakten.“

    Wort der Woche -> #Tüdelfitz

    Gefällt mir

  2. Jo den Tüdelfitz hat wohl jeder, der hier mitliest…. Tröstet zwar nicht, ändert auch nichts am Sendungsbewustsein, aber Du bist nicht allein..
    Und ein klein bisschen Erbarmen mit den Resistoren, hat auch bei mir lange gedauert, bis der (finanzielle) Knoten geplatzt ist…

    Gefällt mir

  3. Kenn ich .. so ähnlich gehts mir auch oft .. nur hab ich es fast aufgegeben resistenten Menschen von was zu überzeugen das ihr Leben bereichern könnte .. Leute die offen sind quatsche ich aber immer nich gerne mit meinen Ideen zu 😉

    Gefällt mir

  4. Wars ein Text der für uns Crowd auch interessant ist? Wenn ja schickst du uns den Link oder was auch immer wir wissen müssen um die 10.000h Essenz zu bekommen. Dank im Voraus für deine Mühe.

    Gefällt mir

  5. Hi Veit, müsste die 60,4 % Studie gewesen sein, die du hier als NEV-Experiment findest. Zur Erinnerung 60,4 % p.a. im Zeitraum von 1972 bis 2012. Gruß, Garnix

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s