Oiweh oder „How long, O Lord, how long?“

Der Kollege hier gibt Tipps, wie man die Zeit bis zur FF rumbekommt. Schöner Artikel, hilft mir aber nix.

Das ganze noch mal aus meiner Sicht: wie soll man die Zeit rumbringen, bis man hoffentlich und irgendwann tatsächlich finanziell frei ist?

Ich versuche seit 1. September 2016 Vermögen aufzubauen, um finanziell frei zu sein. So 1,2 Mio€ plus ein dann abgezahltes Häusschen wären gut. Auf dem Weg dahin macht man, was man so macht: ein paar Verträge kündigen, Gas- & Stromanbieter wechseln, ein paar Sachen verkaufen, das Auto stehen lassen und S-Bahn fahren, Budgets erstellen, Sparquoten berechnen und geschätzt fünfmal am Tag ins Depot schauen, wie weit man jetzt so ist. Dann braucht man nur noch viel Geduld. Zum Beispiel 88 Tage, um den nächsten 10.000er Euro-Schritt im Depot zu machen.

Aus vier Gründen ist das aber gar nicht so einfach für mich. Erstens: eins meiner Motive, finanziell frei zu werden, war quasi Notwehr. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich meinen Job noch 22 Jahre ausüben kann, taxiere ich ziemlich exakt auf 0. In Wahrheit geht es mir heute schon wie einem 37jährigen Feldspieler in der Bundesliga – die Knochen, Bänder, Sehnen sind schon Matsch. Die Luft ist raus. Die Geier kreisen. Der Trainer blökt ins Spielfeld. Man hat noch Kraft rumzuhumpeln, soll aber im besten aller Fälle noch sieben Jahre weiter spielen und wenigstens die Champions League gewinnen. Lustig.

Zweitens: wie erwähnt – man braucht einen Arsch voll Geduld und Gelassenheit. Stand heute, hier und jetzt habe ich einen internen Zinsfuß von 55 % (annualisierte Performance seit 1. September). Das ist unverschämt gut. Hilft dem ungeduldigsten Menschen auf der Welt aber nix, der die ganze Zeit denkt: oiweh – soooo lange noch? Der „early retirment dude“ oben aus dem Link empfiehlt, viel weniger ins Depot zu schauen, sich abzulenken usw. Alles richtig, aber ändert auch nix, daran dass alles ewig dauert. Die Ungeduld bleibt, ob ich reinschaue ins Depot oder nicht.

Drittens: neben allem Zweckoptimismus und Ambitionen steht immer noch ein Sack Zweifel. Alle acht bis zehn Jahre kommt die große Wirtschaftskrise. Wenn nicht gleich der nächste Atomkrieg. Vor ein paar Jahren, ca. drei Wochen bevor Putin die Krim annektiert hat, hatte ich einen Lauf an der Börsen mit Hebelzertifikaten. Wieder irgend eine bekloppte Konstruktion, die ich mir ausgedacht hatte und mit der ich aus 15.000 € rund 45.000 € gemacht hatte. Sah gut aus, ist mir dank Putin aber volles Rohr um die Ohren geflogen (= alles wieder weg). Jetzt eben der Value Ansatz. Demnächst schreibe ich was über „Deep Value Investing“. Macht alles Sinn. Ist logisch und quantitativ überprüfbar. Die Outperformance ist möglich. Aber natürlich immer nur im Kontext und relativ zum Marktgeschehen. Wenn der Dax 30 Prozent einbricht, während das eigene Depot nur 20 Prozent verliert, ist das ja auch eine Outperformance. Ist halt die Frage, wie man diese unvermeidlichen Tiefschläge psychologisch wegsteckt, wenn man schon auf allen Zylindern humpelt. Jaja, ich weiß, mit einer Dividendenstrategie können einem die Kurse egal sein. Einverstanden. Bringt aber nix, wenn man vollgas geben will und muss und kräftemäßig und gefühlt allerhöchstens noch sieben Jahre durchhält. Weitere Vokabeln in diesem Kontext: beruflicher Stellungskrieg, Verzweiflung und Befreiungsschlag. Mit Johnson & Johnson wird das nix, fürchte ich.

Viertens: ich lese eine ganze Reihe von Bloggern (viele Amis), die die Reise schon hinter sich haben. Die mit Mitte 30 durch waren und jetzt so durch die Welt gondeln. Dann noch der Typ von La Vagabonde aus dem letzten Beitrag. Oder die Crew von Cheeky Monkey. Die machen das richtig gut. Die Mittel, die man für dieses Leben bräuchte, werde ich realistisch nie haben. Und schlimmer noch: im besten aller Fälle dauert es für mich noch 2.571 Tage – bis zu einer wesentlich abgespeckteren Form der FF. Ich werde jetzt nicht grün vor Neid… aber hier und da vielleicht doch ein bisschen gelb oder so.

Und was soll das alles? Habe eine Sommergrippe, bin unleidlich, stehe gefühlt mit dem Rücken zur Wand und finde gerade alles schweinedoof und ungerecht. Kündigen ist keine Option, wenn man auch nur annähernd eine Chance haben will. Trimmdichpfad und gute Ernährung hat nicht geholfen.

Und sonst so? Wie übt man sich in Geduld. Das hier sagen die diversen Ratgeber:

  • „Nicht zu viel Stress“ – genau. Können vor Lachen.
  • „Teilerfolge sehen“ –  jaja, 88 Tage für 10.000 Euro.
  • „Sich Teil-Belohnungen gönnen“ – keine Lust – so ein bisschen „frei“ ist auch nix.
  • „Inseln der Ruhe finden“ – siehe Teil-Belohnung
  • „Gegengewichte haben“ – klappt nicht
  • „Linear, nicht assoziativ denken“ – so eins nach dem anderen – nicht springen. Kann ich nicht
  • „Affirmationen, Parolen usw. nutzen“ – Doof.

Meckern und motzen fehlt hier meines Erachtens. Aber das habe ich ja jetzt gemacht. Hilft auch nicht viel – muss aber auch mal sein.

Wenn ich für Leute mit Sparquoten unter 50 Prozent hier wie das totale Oberarschloch klinge: sorry, und ich leide mit euch. Ehrlich!

Ein Gedanke zu „Oiweh oder „How long, O Lord, how long?““

  1. Grad mal wieder hier bei Dir reingelesen…
    S*it! Ist das Dein Hamsterrad oder doch auch meines, kommt mir bekannt vor 🙂
    Wie immer – sensationell!!
    Keep on investing
    GlG Didi

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