CV II

Fortsetzung von https://freiheit52.wordpress.com/2017/05/09/cv/

Zu der Zeit lag ich bereits fünf Jahre auf der Lauer, was die Barfrau betraf. Und irgendwie musste ich mir ja die Zeit vertreiben. Ich handelte inzwischen wahnwitzige Volumina in meiner Aktie. War so eine Mischung aus Arbitrage und lustigen Formeln, die auf irgendwelchen Futures basierten. Ich hatte einen amerikanischen Broker und teilweise gingen 30 bis 50 Prozent des Handelsvolumens an der Heimatbörse meiner Aktie auf meinen Deckel.

Nach 61 Tage erfolgreichen Tagen in Folge war mir mal wieder langweilig, und ich fing an mit Derivaten und zehnfachen Hebeln loszulegen. Keine Ahnung, was ich mir gedacht habe. Ich war jung und doof und wollte so was um die fünf Mio zusammenklappern. Einfach mal so und ohne dass das überhaupt jemand mitbekommt. Vielleicht für ein kleines Segelboot, auf dem ich dann irischen Whisky trinken und die liierte Barfrau vergessen würde.

Die ganze Zeit über bekam ich übrigens weiterhin Geld von meinen Eltern. Ich war immer noch Jura-Student, wobei ich jedes Semester nur ganz knapp der Exmatrikulation entkam. Pro Jahr war ich nicht öfter als zwei, dreimal an der Uni – meistens mit Sonnenbrille und schwer verkatert. Die Uni und ich, wir waren keine Freunde. Ich war nicht kompatibel mit den anderen Kindern da.

Ich rief meine Mutter an: „Hörma. Das mit dem Studium läuft nicht so. Tu mir einen Gefallen und schick mir kein Geld mehr.“

Mutter: „Mach dir keine Sorgen. Passt schon. Bleib einfach am Ball. Wir haben dich lieb und glauben an dich.“

Garnix: „Janee. Stopp das mal. Ist komisch für mich.“

Danach wurde es noch komischer: meine Eltern schickten mir per Post Blankoschecks. Die Schecks habe ich nie benutzt, hatte ja einen Sack voll Geld.

Die Einsamkeit bekämpfte ich gemeinsam mit einer Engländerin, zufälligerweise auch eine Stripperin, die Theaterstücke schrieb und der ich irgendwann die Poker-Rolex geschenkt hatte. Zwei Schriftsteller unter sich. Ich habe es geliebt, unter der Woche irgendwo mit ihr durchzumachen und aus irgendeinem Club morgens blinzelnd und Hand in Hand raus ins Licht zu stolpern. Dann schön halbbesoffen die Sonnenbrille rausgekramt, irgendwas beim Bäcker geholt und den anderen armen Schweinchen zugeguckt, wie sie zur Arbeit rennen.

Eines morgens so gegen 8 Uhr rüttelte die Engländerin an mir, weil mein Vater an der Tür meiner Studentenbutze stand.

Vater: „Ich brauch deine Hilfe. Hast du Zeit?“

Ich war noch im Koma, konnte nix denken, zog mir eine Hose an und schlurfte ihm hinterher – selbstverständlich mit Sonnenbrille.

Vater: „Wir müssen den Hof aufstemmen – Wasserschaden.“

Übersetzung: mein Vater war so ein mittlerer Heimwerkerkönig und hielt so ein paar Mietshäuser eigenhändig in Stand.

Ich bekam einen Boschhammer in die Hand gedrückt und stemmte zehn Stunden lang den Hof eines Mietshauses meiner Eltern auf – mit Sonnenbrille und einem braunen vierhundert Mark Seidenhemd aus meiner Pokerzeit vom damals teuersten Herrenausstatter der Stadt. Braunes Seidenhemd klingt scheiße, ich weiß. Aber es sah gut aus. Und selten.

Während der Bohrhammer mich und meinen Kater so durchrüttelte und die Sonne schien und mein Vater mich mit „richtiger“ Arbeit erschrecken und zurück ins Studium lotsen wollte, ließ ich mich einfach treiben. Mein Leben war irgendwie schräg – aber ganz lustig.

Eine Woche später – abends so gegen 21.30 Uhr saß ich vor meinen Rechnern und sah dabei zu, wie mein Broker mein Depot liquidierte. Die Hebelspekulation zerlegte mein Depot. Ich war pleite.

Die Engländerin war wieder in England, und ich dackelte auf den Schreck zu meiner Lieblingsbar, in der ich Musik auflegen und sehr betrunken und sehr laut auf der Toilette singen durfte. Ich klang nicht so gut wie Ella… aber es ging.

Manchmal kam ich dort sogar unter Applaus aus dem Scheißhaus. Was man so alles macht, während man eine Flasche Jameson säuft.

Und dann sitzt man da an der Bar und hat verkackt und keine Ahnung, was das alles soll.

Irgendwann nach Mitternacht saß die Lieblingsbarfrau an einem der Tische und wischte die Speisekarten ab (gab auch was zu essen da). Ich setzte mich an ihren Tisch.

Garnix: „Darf ich auch mal?“
LB: „Klar.“

Sie gab mir ihren Lappen und ich fing an, Speisekarten abzuwischen.

Garnix: „Bist du glücklich?“
LB: „Ja. Sehr.“

Subtext: läuft super mit meinem Freund, der schon wieder in Machu Dingdsa war und dass sie ihm nachreisen und drei Monate mit ihm wo immer verbringen würde.

Garnix: „Verstehe.“

Ich gab ihr den Lappen zurück, stand auf und ging raus in die Nacht.

Am nächsten Tag kaufte ich 100 Großpackungen Haribo-Gummibärchen schrieb einen Zettel („In Notfällen und nach Scheidungen“ plus Telefonnummer) warf alles in ein riesiges Paket, schickte es an ihre Privatadresse und beschloss, meine Lieblingsbar nicht mehr zu besuchen. Fünf Jahre des Wartens waren genug, dachte ich. Soll sie doch glücklich sein – ohne mich.

Am nächsten Tag klingelte das Telefon. Die Lieblingsbarfrau.

Garnix: „Hey. Scheidung durch?“

LB: „Nein.“

Garnix: „Notfall?“

LB: „Nein. Ich wollte nur danke sagen.“

Garnix: „Das geht so nicht. Du hast nix verstanden. Das ist eine Notfallnummer!“

LB: „Lass uns was essen gehen.“

Garnix: „Nein. Mache ich nicht.“

LB: „Doch. Machst du.“

Garnix: „Wozu denn?“

LB: „Stell dich nicht so an.“

Noch mal zur Erinnerung: der Typ, mit dem sie glücklich zusammen war, wartete in Machu Dingsda auf sie – sie hatte schon ein Ticket und sollte in einer Woche nachfliegen.

Garnix: „Ist gegen meine Prinzipien.“

LB: „Ist mir egal.“

Garnix: „Na gut. Aber es läuft mal rein garnix! Verstanden?“

LB: „Genau.“

Dann waren wir essen. Sie strahlte und war toll. Fünf Jahre auf ein Date gewartet. Krank aber auch irgendwie gut. Gegen zwei Uhr nachts fuhr ich sie nach Hause.

LB: „Kommst du mit hoch?“

Garnix: „Nein.“

LB: „Dein Ernst?“

Garnix: „Zu 90 Prozent ja“

LB: „Also. Komm mit.“

Garnix: „Danke. Aber nein.“

Sie stieg aus und ging alleine in ihre Wohnung. War ein schöner Abend mit ihr – immerhin einer nach fünf bekloppten Jahren. Ich schlug noch ein paar Haken durch die Stadt und landete erst wieder bei Tageslicht und besoffen im Bett.

Die Klingel weckte mich. Ich wackelte zur Sprechanlage.

Stimme: „Lässt du mich rein?“

Garnix: „Wer ist denn da?“

Stimme: „Rate mal!“

Garnix: „Ah. Bist du die Frau, von der die halbe Stadt was will? Die Frau mit einem Flugticket, um ihrem Freund in Machu Dingsda nachzureisen und glücklich zu sein?“

LB: „Drück‘ jetzt mal den Knopf.“

Ich drückte den Knopf. Sie reiste dann doch nicht nach Machu Dingdsa.

Fortsetzung folgt…

ps_
Sorry für die lange Wartezeit – habe jeden Tag mindestens 15 Stunden gearbeitet und kam zu nix.

 

 

7 Kommentare zu „CV II“

  1. Hey Garnix,
    du solltest weniger arbeiten und mehr bloggen! Deine Stories sind einfach der Hammer und ich verschlinge sie gerade zu. Hast du zufällig Bücher geschrieben? Würde ich sofort lesen!
    Danke für das update und ich freue mich auf eine Fortsetzung!

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  2. Hi Michael,
    danke dir! Demnächst dann einen Beitrag übers Schreiben. Hatte sogar mal einen Verleger. Viele Grüße, Garnix

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