Irgendwas ist immer

Herman Kinder sagt: „Glück … ist nur möglich als gemeinsame Arbeit an der Verbesserung; oder doch wenigstens an der Nicht-Verschlimmerung; oder doch wenigstens im Widerstand gegen das Allerschlimmste.“

Heinz Rudolf Kunze sagt: „In den Mehrzweckhallen ahnt man, es hat alles keinen Zweck.“

Einer meiner Lieblingsdichter, Gottfried Benn, sagt, dass es nur zwei Dinge gibt im Leben:

„Durch so viel Form geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
– ob Sinn, ob Sucht, ob Sage –
dein fernbestimmtes: Du mußt.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.“

Auch sehr schön: „Sie werden allein sein, eine Nußschale auf dem Meer, eine Nußschale, aus der es zirpt mit fragwürdigen Lauten, klappert vor Kälte, zittert vor Ihren eigenen Schauern vor sich selber – aber geben Sie nicht SOS – erstens hört sie keiner, und zweitens wird Ihr Ende sanft sein nach so viel Fahrten.“

Dann hätten wie da noch Vallejo, der behauptet, dass

„Am Tage meiner Geburt
war Gott krank
Alle wissen es, dass ich lebe,
dass ich kaue … Und wissen nicht,
warum durch meine Verse,
als dunkler Abgeschmack des Sarges,
die verschlissenen Winde pfeifen,
entrollt von der Sphinx,
der ewigen Fragerin in der Wüste …
Am Tage meiner Geburt
war Gott krank,
schwer krank.“

Unser Kumpel Rimbaud hat dazu in sehr jungen Jahren auf die Kirchenmauer in seinem französischen Dorf geschrieben: „merde à dieu.“

Villon, noch so ein Franzose, sagt:

„Vor vollen Schüsseln muss ich Hungers sterben
am heissen Ofen frier ich mich zu Tod
wohin ich greife fallen nichts als Scherben
bis zu den Zähnen geht mir schon der Kot
Und wenn ich lache, habe ich geweint,
und wenn ich weine, bin ich froh,
dass mir zuweilen auch die Sonne scheint,
als könnte ich im Leben ebenso
zerknirscht wie in der Kirche niederknien…
ich, überall verehrt und angespien.

Nichts scheint mir sichrer als das nie Gewisse
nichts sonnenklarer als die schwarze Nacht
Nur das ist mein, was ich betrübt vermisse
und was ich liebte, hab ich umgebracht
Selbst wenn ich denk, dass ich schon gestern war
bin ich erst heute Abend zugereist
Von meinem Schädel ist das letzte Haar
zu einem blanken Mond vereist
Ich habe kaum ein Feigenblatt, es anzuziehn
ich, überall verehrt und angespien

Ich habe dennoch soviel Mut zu hoffen
dass mir sehr bald die ganze Welt gehört
und stehn mir wirklich alle Türen offen
schlag ich sie wieder zu, weil es mich stört
dass ich aus goldnen Schüsseln fressen soll
Die Würmer sind schon toll nach meinem Bauch
ich bin mit Unglück bis zum Halse voll
und bleibe unter dem Holunderstrauch
auf den noch nie ein Stern herunterschien
François Villon, verehrt und angespien“

Ich hätte noch so ungefähr zweihundert Beispiele, die zeigen, dass wir alle manchmal durchhängen, wir Burnout-Ottos.

Was tun? Ich empfehle, Formel 1 Rennen zu schauen. Die machen schön schläfrig und Schlaf ist ja immer gut. Ansonsten gilt: die Menschen scheitern an der Mehrdimensionalität. Schwierig mit 26 Bällen zu jonglieren. Daher gilt für mich das immer gleiche Prinzip: mit den Kräften haushalten, indem man Kackbereiche isoliert und entspannt aber kontinuierlich „behandelt“.

Watt?

  1. Dimensionen, die darüber entscheiden, ob man glücklich, erfüllt, blabla ist, definieren
  2. Monatliche Bewertung der Dimension in einer persönlich genehmen Skala (%, 0 – 5, Schulnoten)
  3. Die Dimensionen, die gerade scheiße sind, weil sie beispielsweise unter 80 % notieren entspannt auf die Agenda des nächsten Monats setzen
  4. Den Rest laufen lassen

Watt?

Ok. Jetzt konkret. Wie glücklich ist Garnixoderguru denn? Antwort. 85 %.

Watt?

Anbei mein persönlicher Glückschart der letzten 16 Monate:

glückschart

Alle Dimensionen, die unter 80 % notieren, schaue ich mir im Folgemonat an.

Watt?

Meine Themen für Juli 2017:

  • ich habe gerade Stress mit meinen Eltern und mein
  • Freiheitsgefühl humpelt etwas hinterher.

Der Rest passt – alles über 80 % – lasse ich laufen.

Meine anderen Dimensionen sind übrigens:

  • Beruf: habe gerade ultraviel zu tun – bin aber extrem produktiv und bekomme extrem positives Feedback
  • Beziehung: Freundin zickt etwas, weil ich so viel arbeite – aber passt insgesamt. Wir haben jetzt mehr Zeit im Juli.
  • Finanzen: geht so. In den letzten beiden Monaten hat mein Depot primär wegen DRAG so ca. 6.500 Euro nachgegeben. Aber ich freue mich andererseits über tolle Nachkaufgelegenheiten.
  • Freunde: war vorgestern mit meinem besten Freund saufen. Kennen uns tausend Jahre und haben uns sehr lieb.
  • Geschäft: damit meine ich alles, was ich so neben meinem Hauptjob mache.
  • Körper: bin ein bisschen speckig. Aber die Haare sitzen und passt schon.
  • Tochter: läuft super.
  • Souveränität: meint, ob ich so intergalaktisch die Richtung vorgebe oder eher rumgeschubst werde. Passt gerade.
  • Spaß: viel gelacht die letzten Tage. Gut!
  • Vision: uiuiui – meine super-geheime Vision ist, tatata, „Lieben und geliebt werden“ – gibt es Leute in meinem Leben, die ich ernsthaft, aufrichtig und wahrhaftig liebe und werde ich auch ein bisschen geliebt. Ist ganz wichtig. Auch wenn ich das Wort „Liebe“ eher befremdlich finde.
  • Wohnen: wie wohl fühl ich mich gerade zu Hause

Fertig.

In kurz noch mal: der Garnixoderguru ist per 30.06.2017 zu 85 % glücklich.

Schönes Wochenende!

4 Kommentare zu „Irgendwas ist immer“

  1. Die 85% widersprechen ein wenig dem melancholischen Ton, ausgehend von den von Dir zitierten Gedichten.

    Hab aus Spaß mal Deine Zufriedenheitsskala für mich ausgefüllt und bin vor Schreck fast hinten rüber gefallen. Das Ergebnis vergessen wir lieber mal ganz schnell und verlassen uns auf unser Bauchgefühl. Trotzdem ein interessanter Ansatz, den Du da verfolgst, um Deine Zufriedenheit zu „tracken“.

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  2. Ich lese diese merkwürdigen Weltschmerz- und Lebensekelgedichte schon seit 30 Jahren. Weltschmerz und Lebensekel sind total legitim, finde ich. Am besten allerdings unter lautem Gelächter oder zumindest mit einem Augenzwinkern zu lesen.

    Mein Super-Mantra kommt übrigens vom Rufer in der Wüste:

    Will weise sein, weil’s mir gefällt
    und nicht auf fremden Ruf –
    Ich lobe Gott, weil Gott die Welt
    so dumm als möglich schuf.

    Und wenn ich selber meine Bahn
    so krumm als möglich lauf –
    der Weiseste fing damit an,
    der Narr hört damit auf.

    Garnix

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  3. Heyho,

    interessant, rational zu betrachten ob man glücklich ist. Fühlst du dich denn auch so? Das unter 80% ist ne gute Idee.

    unter den anderen posts kann man nicht kommentieren, daher muss das hier mit rein:
    wann kommt die Fortsetzung von „Sex“? Ich gucke jeden Tag, ob sie schon da ist!

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  4. Hi Michael,

    Gefühl passt dazu. Wenn das Gefühl nicht dazu passt, dann fehlt irgendeine wichtige „Dimension“. Es gibt immer mal Nebenkriegsschauplätze. Ich bin beispielsweise nicht davon überzeugt, dass ich mit 105 Jahren auf dem Sterbebett nicht doch total verbittert und undankbar bin.

    Als nächstes kommt die Fortsetzung von „Sex“. Habe derzeit nur richtig viel zu tun und komme quasi nur zum Schlafen nach Hause. Ist immer so vorm Urlaub.

    Gruß
    Garnix

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