Nachruf auf meine Patentante

Die Familie meiner Mutter war und ist ein eher lustiger, tendenziell bildungsferner Verein mit Wurzeln im Ruhrpott. Rumpelpumpel, weg war der Kumpel und so. Oma Dillinger war beim Bund Deutscher Mädchen und hat sich und mich noch im hohen Alter gefragt, ob das mit dem Hitler wirklich so schlimm war.

Naja, das war mir damals egal, ich konnte sie gut leiden. Wenn ich sie zwei-, dreimal höflich bat, ihr Gebiss rauszunehmen, tat sie mir den Gefallen, und ich kugelte mich auf dem Boden vor Lachen, wenn sie dann mit offenem Mund auf den Felgen kaute.
Als ich noch sehr klein, drückte ich gerne an ihrem Busen rum und rief: „Mööööp, Mööööp!“ Außerdem hatte sie die geilsten Federbetten, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Die gingen bis knapp unter die Zimmerdecke.

Nicht so schön: wenn ich bei ihr schlief und nachts mal auf Toilette wollte, musste ich quer über den Hof zu so einem stinkenden Plumpsklo laufen. Das nahm ich aber in Kauf, weil ich mit dem Zug fahren durfte, wenn ich bei ihr schlief. Oma Dillinger hatte neun Kinder. Eins wurde vom Auto überfahren, da waren es noch acht. Ein paar waren auch dabei, die eher nach den Nachbarn kamen. Aber man muss auch nicht immer alles so genau nehmen. Zumal ich ihr erklärter Lieblingsenkel war. Ich wusste damals noch nicht, dass sie das jedem ihrer Enkel sagte. Jedenfalls konnte ich mich nicht beschweren und bekam bis ins hohe Alter immer mal eine Kiste „Rocher“ (bitte mit ‚ch‘ aussprechen) geschenkt.

Ihre Kinder hatten es nicht ganz so gut. Als die Älteste mit 15 oder 16 zu ihr kam und erklärte, dass sie Friseurin werden wolle, wurde dieses Ansinnen mit dem Hinweis „Du hast sie ja nicht alle, du gehst mal schön in die Lederfabrik und lieferst deinen Lohn hälftig zu Hause ab“ abgelehnt. Wenn ich das richtig überblicke, war meine Mutter die einzige, die sich gegen Oma und die Lederfabrik durchsetzte und sich einen Bürojob angelte. Die Lederfabrik war wohl nicht so toll: drei der Mädchen scherten aus und brannten mit GIs durch. Zwei bis nach Amerika: Buffy und die wilde Hilde.

Eines Tages kehrte Buffy aus Amerika zurück und fand einen Job in einer, und ich zitiere hier nur, Bimbobumsbar. Das drang aber nur gerüchteweise zu ihrer Familie durch. War Buffy wirklich zurück? Arbeitete sie wirklich in einer Bimbobumsbar? Man wusste es nicht.

Ich war vielleicht acht Jahre alt, wollte bei Oma Dillinger schlafen, als Tante Christel, die älteste Tochter aus der Lederfabrik, abends auftauchte. Man müsse für klare Verhältnisse sorgen, meinte sie. Oma D. und der junge Garnixoderguru stimmten zu.

Und so begab es sich, dass Tante Christel, Oma Dillinger und der junge Garnix einen Familienausflug machten: in die Buffybimbobumsbar. Ich dachte nur, scheiße, hoffentlich komme ich da auch rein, und setzte lieber mal einen Hut auf, mit dem ich wie mindestens zwölf aussah.

Spannung lag in der Luft. Würde man Buffy halbbekleidet aus einer misslichen Lage befreien müssen? Wer hatte Angst vorm schwarzen Mann? Und so weiter. In Wahrheit musste ich die ganze Zeit in mich hinein lachen. Wenn irgendwer Angst haben musste, dann waren das die Schwarzwälder höchstselbst. Oma D. und Tante C. waren Kawenzmänner vor dem Herrn.

Und so liefen wir ein, in die BBBB. Die Beleuchtung in dem Schuppen hob sich kaum vom Teint der Gäste ab. Es war ziemlich dunkel. Buffy stand hinter dem Tresen, war so
perplex, dass sie nix sagen konnte. Im Windschatten meiner Oma nahmen wir die Bude ein und bauten uns vor der Bar auf. Buffy was back! Ich kannte sie nur aus Erzählungen. Mit ihren vierzig Kilo und den schlechten Zähnen sah sie etwas schwindsüchtig aus. Doch die schlechten Zähne hielten sie nicht davon ab, fassungslos den Mund aufzureißen und ihre Mutter, ihre Schwester und den merkwürdigen Neffen an die dünne Brust zu drücken. „Lokalrunde!“ rief sie. Schnaps galore! Mit jeder Runde verbrüderte man sich mit einem oder zwei neuen schwarzen Brüdern. Der ganze Laden kreiste um meine Oma. Schon aus Gravitätsgründen. Buffy zwickte mich in die Seite. „Weißt du eigentlich, dass ich deine Tante bin?“ fragte sie. „Klar“, sagte ich, „du bist Buffy. Sag mal, ist das hier wirklich eine Bumsbar?“ Sie lachte und nahm mich in den Arm.

Zwei Stunden später saß ich hinten im Auto von Tante Christel. Oma saß auf dem Beifahrersitz. Wenn jemand eine Zigarette angezündet hätte, wäre das Auto sofort in Flammen aufgegangen. Ich war breit von den Schnapsausdünstungen der beiden Walküren.

Oma D: „Hörma, Garnix, tust du mir einen Gefallen?“

Garnix: „Jeden, Oma.“

Oma D: „Scheiße, Christel! Halt sofort an.“

Es war mitten in der Nacht, als Christel in die Eisen stieg, Oma die Tür aufriss und vom Sitz aus auf den Standstreifen der Autobahn kotzte. Als sie sich mit ihrem besten
Pelzmantel den Mund abgewischt hatte, sagte sie: „Kein Wort zu deinen Eltern,
okay?“

Sie ist vor ein paar Jahren gestorben, das alte Schlachtschiff. Und ich habe Wort gehalten, Oma. Gestern morgen ist ihr Christel, meine Patentante, nach Walhalla nachgefolgt.

Hab‘ euch lieb, werde euch vermissen, RIP und scheiß doch auf die Buddenbrocks.