Hüa – Into The Ocean

Sagen wir mal, ich habe im Pro-Kopf-Vergleich 300 % höhere Ziele als 20 andere Locations. Sagen wir weiter, dass ich seit 2011 jedes Jahr alle Ziele übererfülle – und das ich seit zwei Jahren mit 25 % weniger Headcount auskommen muss. Sagen wir, ich bin ganz okay in meinem Job. Was passiert dann denn so?

Man bekommt Anrufe.

Anrufer: „Wir haben Probleme. Ich habe schon mal mit dem CEO gesprochen, der es gerne sähe, dass uns deine Abteilung unterstützt.“

Garnixoderguru: „Das ist ja komisch. Wann hast du denn mit ihm gesprochen? Ich war gestern bei ihm.“

Der Anrufer ist Teil der Geschäftsführung, berichtet an den CEO. Personalverantwortung galore. Wenig bis gar nix im Griff.

Das Head Quarter hat ihn vor einem Jahr beauftragt, einen kleineren Standort dicht zu machen. Die dort von zehn Entwicklern über fünfzehn Jahre gebaute Software sollte von irgendeiner Klitsche, die man aus unerfindlichen Gründen übernommen hat, in ein paar Monaten nachgebaut werden. In der Klitsche spricht man weder deutsch noch brauchbares Englisch. Die haben noch nie was gebaut, was für normale Menschen funktioniert. Als er mich seinerzeit um Hilfe gebeten hat, bin ich weggerannt. Steht nirgendwo, dass ich Migrationen mache.

Es wäre damals seine Aufgabe gewesen, die SLAs mit den Kunden in der Form zu bearbeiten, dass die Firmenanwälte attestieren, dass die Kunden für immer und ewig aus Deutschland betreut werden müssen. Danach Head Quarter einladen, auf die Anwälte veweisen, mit den Schultern zucken und den Oberchefs alternierend diverse Finger zeigen. Dafür war er aber zu schwach und vermutlich auch zu doof. Stattdessen war er folgsam, hat vor Ort alle rausgeschmissen und irgendeinen unfähigen externen Otto, der keine Ahnung hat, damit beauftragt, eine Migration in den Abgrund zu organisieren.

Inzwischen sind alle Brücken abgebrochen. Das alte System abgeschaltet. Das Fachwissen sitzt inzwischen in anderen Firmen. Und man ist live. Blöd, dass die Kunden jetzt halbstündlich anrufen, ihn auf das Übelste beschimpfen und sobald wie irgend möglich die Flucht suchen.

Anrufer: „Wir haben jetzt eine Task Force gebildet und hätten gerne jemanden aus deinem Team dabei.“

Meint: ich habe keinen Projektleiter mehr, weil mir das Budget ausgegangen ist und ich will die Schuld so schnell und auf so viele Schultern wie möglich verteilen.

Mein Team hat ihm gerade erst einen anderen Sumpf trockengelegt und ihm 35 Mio Regressforderungen erspart, weil seine Teams fünf Jahre geschludert haben.

Die richtige Antwort wäre: „Warte… ich guck mal… Sorry… hier ist niemand nekrophil.  Die wollen alle keine toten Pferde reiten.“

Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, vermute ich, dass mindestens 30 Prozent des Codes falsch sind. Eine Zeile falschen Code zu berichtigen dauert unter ordentlichen Voraussetzungen die fünffache Zeit im Vergleich zu einer neuen Zeile Code. Wenn die ein Jahr an der Scheiße programmiert haben, brauchen die somit 12 Monate x 0,3 x 5 = 18 Monate, um die Fehler auszubügeln – wenn sie Glück haben. Haben sie aber nicht und die Kunden sind bis dahin eh über alle Berge.

Die politisch korrekte Antwort: „Ich würde dir sehr gerne helfen – insbesondere weil der CEO deinen Wunsch unterstützt. Unabhängig davon wäre es uns innerlich das größte Fest, gerade dir zu helfen, aber leiderleider sind wir zu 100 % verplant und stehen dem Head Quarter in der Erfüllung unserer Ziele im Wort. Glaub uns bitte, dass wir dich sehr lieb haben und ganz fest an dich glauben.“

Im Prinzip würde ich ihm tatsächlich gerne helfen, weil ich auch ein bisschen doof bin und an Werte wie Kollegialität und so einen Quatsch glaube. Aber ich kann auch nicht die ganze Welt retten. Und ich habe die größte Sehnsucht nach klugen und kompetenten Kollegen und nach einer „die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ Politik.

Aber er hat das viel besser ausgedrückt: