CV

Offiziell war ich mal Jura-Student – 16 oder 17 Semester. Lief gut am Anfang – Klausuren alle zweistellig. Nach kurzer Zeit konnte und wollte ich aber keine Sachverhalte mehr lesen. Ging nicht. „A“ und „B“ und „C“ waren mir sowas von egal.


Ich las jeden Monat mindestens fünfzehn Bücher – alles mögliche, Hauptsache es hatte nichts mit meinem Studium zu tun. Außerdem hörte ich alle Bach-Kantaten rauf und runter und versuchte abends, während ich eimerweise irischen Whisky trank, meine Barfrau rumzukriegen. Die war liiert, treu und sehr hübsch. Kam vom Land und verdiente sich abends mit Kellnern ihr Studium. Barfrauen waren und sind meine Achillesferse. Naja, Barfrauen und 29 andere Sachen.

Die Zeit dackelte so dahin. Meine Eltern finanzierten mich mit zweitausend Mark pro Monat. Etwa Mitte der 90er las ich ALLES über Blackjack und Poker. Ich brauchte eine Woche, um ein Kartendeck mit 52 Karten in zwölf Sekunden zählen zu können. Nach zwei, drei Abenden an Blackjacktischen im nächsten Casino gab ich auf – die Zählerei war viel zu viel Arbeit.

Danach ging es – ganz klassisch und lange bevor es geboomt hat – mit Poker weiter. Ich hatte Gesichtsausdrücke studiert (Mike Caro Poker Book of Tells) und Spezialsoftware aus den USA bestellt. Ich wusste alles, was man wissen musste und fing an, in Hinterzimmern mit Teppich- und Gebrauchtwagenhändlern Poker zu spielen.

Nach acht Wochen hatte ich eine Rolex Sea Dweller und 80.000 Mark gewonnen. Gar nicht so leicht, so viel Bargeld rumzutragen. Zwanzigtausend hatte ich meistens in meinen Schuhen gebunkert. Schöne Zeit. Auch wenn die Gegend, in der ich mich rumtrieb, einen hohen Rotlichanteil hatte. Und da die Barfrau unverständlicherweise immer noch nix von mir wollte, tröstete ich mich in den Armen einer Stripperin, die aussah wie Sophie Marceau. Mein ältester Freund hyperventiliert heute noch, wenn er an sie denkt (ich übrigens auch noch so ein minibisschen).

Nach zwölf Wochen hängte ich meine Pokerkarriere an den Nagel. War lustig – aber für meinen Geschmack jetzt auch nicht so die Lebenserfüllung.

Was tun? Alles außer Jura!

Nach Jura, Blackjack und Poker blieb eigentlich nur noch die Börse. Komischerweise versäumte ich es diesmal, ordentliche Bücher zu lesen und entwickelte eine eigene Handelsstrategie. So ganz grob: ich besorgte mir einen Zugang zur CBOT schaute mir eine Weile Futures an und konzentrierte mich auf genau eine Aktie. Dann bastelte ich schnell noch ein paar Formeln und handelte fortan in den USA AMD.

Im Gegensatz zum Dax harmonierte die amerikanische Börse auch sehr gut mit meinem Schlafverhalten. Ich wachte immer so gegen 16 Uhr auf, und die erste halbe oder ganze Stunde will man sowieso nicht handeln.

Ich kürze das jetzt ein bisschen ab – muss gleich schlafen. Meine bekloppten Formeln funktionierten. Ich schloss 61 Handelstage in Folge mit vier und fünfstelligen Gewinnen ab. Ich hatte eine halbe Million zusammengerafft.

Falls jetzt noch Frugalisten mitlesen: ich habe in der Zeit so gut wie kein Geld ausgegeben! Ich ging alle zehn Tage in die Pizzeria um die Ecke, holte zehn telefonisch bestellte Pizzas ab, die ich zu Hause in den Gefrierschrank packte. Ohne anzugeben: aber ich habe quasi nebenbei die tiefgefrorene Pizza erfunden. 🙂

Sophie Marceau hatte ich zusammen mit meinen Pokerfreunden aufgegeben. Die Barfrau war mit ihrem Freund in Macchu Picchu unterwegs, und ich aß 30 Pizzas für 200 Mark im Monat und hatte keine Ahnung, was ich mit dem ganzen Geld anfangen sollte.

Fortsetzung folgt…

Vielen Dank übrigens für die vielen Emails und Kommentare. Ich antworte asap.

16 Kommentare zu „CV“

  1. Bin über Tim auf dich gestoßen. Mein erster Artikel war „Socken“, dann hattest du mich. Direkt in den Lesezeichen gelandet und nun warte ich auf neues.
    Toller CV, wenn das alles so stimmt!
    Und dein Schreibstil ist Klasse, ich freue mich auf mehr von dir!

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  2. Ich kann mich nur anschließen: Sehr amüsant zu lesen Deine Texte. Kurze knackige Sätze, den Sachverhalt mit einer guten Portion Humor und Selbstironie auf den Punkt gebracht. Mein Finanzblog-Roll ist um eine Position erweitert…

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  3. Ich seh schon: „Es fing alles mit einem kleinen Blog an …. und endet mit der Buchpräsentation im ZDF“.
    Gefällt.
    Mehr davon.
    Bitte.
    Danke.

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  4. Danke sehr, tbstr! Kurz vor meinem 30. Geburtstag hat mir ein Verleger geschrieben. Er fand mich ganz gut und bot an, alles, was ich will, zu veröffentlichen. Daraufhin packte ich mein Thinkpad ein, mietete einen BMW Z4 und fuhr nach Amsterdam, um meinen Geburtstag zu feiern und meinen ersten Roman zu schreiben. Nach drei Tagen in Amsterdam hatte ich eine halbe Seite geschrieben, 5.000 Euro ausgegeben und war pleite. Dafür hatte ich aber viel Spaß. In einer der Nächte saß ich in so einem Table Dance / Strip-Laden, sprach mit einer sehr hübschen barbusigen blonden Barfrau und bot ihr schließlich 50 Euro, wenn sie mir die beste Geschichte ihres Lebens erzählt. Irgendwas, was man noch nicht gehört hat, was einen wegbläst. Der Abend endete damit, dass mir ALLE Stripperinnen in dem Laden ihre beste Geschichte erzählten. Wir haben viel gelacht. Und für die Frugalisten unter uns: die 50 Euro wurden nicht ausbezahlt. Die Geschichten waren alle okay – aber keine 50 Euro wert. 🙂
    Naja. Lange her. Für ein Buch mit 10.000er Startauflage als neuer Autor waren 3.000 Euro das übliche Honorar. Mein Ausgabeverhalten war damals noch ein anderes, und ich hätte demnach spätestens alle zweieinhalb Wochen ein neues Buch rausbringen müssen.

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  5. Vielen Dank, Michael. Schön dass es dir gefällt. Freut mich auch, dass da noch ein Platz frei ist im Finanzbloggerbiotop. Viele Grüße und ein schönes Wochenende!

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  6. Schöne Zeit, DocSchneider. Ich habe das Pferd quasi von hinten usw. und kann mich noch ganz gut erinnern, wie es sich anfühlt, frei zu sein. Am allerliebsten stand ich morgens nach einer Nacht im Rotlichtviertel und auf dem Weg nach Hause müde und halbbesoffen im Stau. Sonnenbrille auf, Fenster unten, Musik laut und die armen Schweinchen auf dem Weg zur Arbeit ausgelacht.

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  7. Verrückte Lebensgeschichte! Könnte man verfilmen.
    Bin durch Tim Schäfer / Finanzwesir auf dich aufmerksam geworden. Dein Leben ist nicht unbedingt übertragbar, aber solche Einblicke erhält man nicht jeden Tag. Bin auf weitere Storys gespannt!

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